Ausgerechnet heute. Einerseits ist es genial, dass mein riesiger Fernseher einen riesigen Bildfehler darstellt, weil die Garantieleistung des Herstellers mir wahrscheinlich ein wunderschönes Neugerät bescheren wird, andererseits ist es natürlich dramatisch, wenn der Defekt ausgerechnet vor dem schicksalsträchtigen Spiel gegen England auftritt.
So war ich am frühen Nachmittag gezwungen, in Richtung Innenstadt zu marschieren, um das Achtelfinale auf einer Leinwand anzuschauen. Leider hatten noch viele andere Menschen die gleiche Idee – der größte Nachteil am Public Viewing. Die Vorbereitung auf den D-Day war dilettantischer als vor 65 Jahren: Die Leute versteckten sich hinter Alkohol- und Deutschlandfahnen und blickten wie Bruno Gans mit offenen Augen dem Untergang entgegen. Ich war mittendrin und tat es ihnen gleich. Nun hing schließlich nichts mehr von dem Spiel ab. Deutschland hatte mir schon bewiesen, dass es mich hasst.
Doch das größte Problem an diesem Land ist – und das weiß ein jeder – es ist nie zufrieden. Nebenbei: Alleine deswegen sollte man nicht von Vater- sondern von Mutterland sprechen. Und der deutsche Hass ereilte mich schnell wieder in Form der Bierpreise. Nicht nur, dass ein horrender Pfand auf die Plastikbecher erhoben wird, auch das Getränk selbst ist beim Public Viewing maßlos überteuert. So langsam wird mir klar, warum sich das kulturelle Leben eines Hartz-IV-Empfängers meist doch auf der Bank im Stadtpark mit einem Sixpack Discounterbier abspielt, und nicht hier am Bierstand neben dem gutgelaunten, pöbelhaften Stadtadel.
Weil die professionellen Pfandflaschensammler die Hochkonjunktur ausnutzten und Teile der Innenstadt bandenmäßig in Reviere aufgeteilt hatten, entschied ich mich, mein nichtvorhandenes Geld lieber auszugeben, als mir welches dazuzuverdienen. Angesichts des Volkes hätte ich mir an den Flaschen ohnehin Hepatitis A bis C und jegliche Herpesviren eingefangen.
Immerhin beschleunigte die Nachmittagshitze den Gärungsprozess in meinem Kopf, so dass ich von dem Spiel zwar weniger mitbekam, aber trotzdem mehr Spaß hatte. Ungezwungen flirtete ich mit ein paar grenzdebilen Mädchen und brachte sie so dazu, mich immer wieder auf ein neues Bier einzuladen.
Bis es dann schließlich passierte und die ganze Suppe neben dem Bierstand und einer kleinen Patchworkfamilie aus mir heraussprudelte. Das Spiel war gerade in der 80. oder 8080. Minute, ich konnte es nicht richtig erkennen. Kaum hatte sich mein Kreislauf wieder beruhigt, ergriff mich auch schon die Hand eines Ordnungshüters. Er wollte einfach kein Verständnis für meinen defekten Fernseher zeigen und so musste ich mich dem Platzverweis beugen und nach Hause gehen. Immerhin, eins der Patchworkkinder hat beim Anblick meiner Kotze fürchterlich geweint, das war es mir wert.
Ich hoffe nur, dass Deutschland verloren hat, denn verdient hat es dieses Land auf jeden Fall.
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