Freitag, 2. Juli 2010

Tag 357

Er: Machen Sie die Tür auf, Pfitzer!
Ich: Kann man nicht einmal mehr seine Morgentoilette verrichten, ohne dass Sie hier diesen Krawall veranstalten?
Er: Ich hab Sie gewarnt, Pfitzer.
Ich: Hören Sie, ich habe doch erklärt, dass es mit dem Geld noch etwas dauert. Wir sind auf einem guten Weg, finden Sie nicht auch?
Er: Pfitzer, mir ist es egal, ob Sie dort gerade scheißen oder nicht. Ich hole Sie da raus.
Ich: Einen Moment noch… ich spreche gleich wieder mit Ihnen... hey, haben Sie die Sicherung raus gedreht?
Er: Nein.
Ich: Wie denn auch, Sie stehen ja schließlich vor der Tür. Verdammte Scheiße.

Ohne Strom war ich in meinem fensterlosen Badezimmer aufgeschmissen. Ich wischte mir blind den Arsch ab und diskutierte dann weiter mit Wilhelm jr. aus dem Treppenhaus, während ich noch in Boxershorts in meinem Flur stand und der unfrische Duft aus dem WC herüber wehte, da auch die Badlüftung nicht mehr lief.

Er: Da hat wohl jemand seine Stromrechnung nicht bezahlt. Jetzt müssen sie rauskommen.
Ich: Gar nichts muss ich.
Er: Um 14 Uhr kommen die Nachmieter. Die würden sich gerne die Wohnung anschauen. Von innen.
Ich: Ihr Vater bekommt schon sein Geld. Wie soll ich es denn besorgen, wenn Sie hier Spalier stehen?
Er: Oh ja, Sie besorgen das Geld. Pfitzer, das haben Sie gestern schon erzählt. Auf Ihr Geld kann man lange warten.

Unrecht hatte er nicht. Ich hatte keinerlei Ahnung, woher ich das Geld nehmen sollte, dass ich Familie Wilhelm schuldig war. Meine Investition in die deutsche Nationalmannschaft war fehlgeschlagen und die doppelten Sozialleistungen reichten gerade, um mein Konto endlich mal aus den Tiefen des Dispokredites zu führen. Als ich so nachdachte und Wilhelm es mir mit den potentiellen Nachmietern, die pünktlich um 14 Uhr um Einlass baten, schwer machte, einen klaren Gedanken zu fassen, blickte ich zufällig auf den Schließfachschlüssel. Wahrscheinlich werde ich diesem Schließfach nichts finden. Allerhöchstens Pornohefte. Aber es ist die einzige Chance.
Erneut kletterte ich über Balkon und Baugerüst auf die Straße und schwang meinen Hintern in den Bus. Glücklicherweise fand sich hinter einem Sparkassenschalter noch arbeitendes Personal.

Er: Entschuldigung, wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich bin hier wegen eines Schließfaches.
Er: Ich kenne Sie doch. Sind Sie nicht… Mustermann?
Ich: Pfitzer heiße ich. Christian Pfitzer. Ich habe hier einen Schlüssel, sehen Sie?
Er: Ich könnte schwören, Sie sind der Mustermann.
Ich: Schließfachnummer 127.
Er: Sie haben doch Hausverbot, Herr Mustermann.
Ich: Hier mein Ausweis. Christian Pfitzer, sehen Sie? Und hier, das ist der Schlüssel.
Er: Oh, das tut mir leid. Dann habe ich Sie tatsächlich verwechselt. Was den Schlüssel angeht, da kann ich Ihnen nicht helfen.
Ich: Warum nicht?
Er: Nun, er ist nicht von uns.

„Hände hoch! Überfall!“ Auch das noch. Ein maskierter Mann mit gebücktem Gang trat an den Schalter. „Vollmachen, los vollmachen!“ Er übergab dem Sparkassenmitarbeiter einen Jutebeutel von der Apotheke. „Und keene Tricks!“
„Die Softairpistole ist doch gar nicht entsichert“, stellte ich fest. „Pfitzer? Was machen Sie denn hier?“, fragte der mutmaßliche Gangster leise. „Sie sollten nicht hier sein.“ Jetzt erkannte ich ihn erst unter der Perücke und dem falschem Bart. Er sah um Jahre jünger aus. Der GEZ-Ermittler war offensichtlich so weit runtergebrannt, dass er es nötiger hatte als ich. „Ich will Geld. Also das Gleiche wie sie“, antwortete ich.
Mit jeder Sekunde wurde der ehemalige Gebühreneintreiber nervöser. Der Sparkassenmitarbeiter blieb gelassen und packte seelenruhig das Geld ein. „Schneller jetzt!“ rief der GEZ-Mann. Ein schriller Ton heulte auf, der Mitarbeiter hatte den Alarm ausgelöst. In Panik griff der Ermittler nach dem Jutebeutel. Fälschlicherweise erwischte er mich und zog mich an seine Brust. „Ich habe eine Geisel!“ schrie er. „Und ich werde jetzt gehen!“

Ich: Wo haben Sie denn den Fluchtwagen?
Er: Verkauft. Habe ich doch erzählt.
Ich: Sie überfallen eine Bank ohne Fluchtwagen?
Er: Wenn die Busse pünktlich kommen würden und sich der Kassierer nicht soviel Zeit gelassen hätte, dann gebe es jetzt kein Problem.
Ich: Da ich mir gerade meine Jeans am Stacheldraht eines Kleingartenzauns aufgerissen habe, gibt es schon ein Problem.
Er: Vergessen Sie nicht, Sie sind meine Geisel.
Ich: Ach ja. Und was ist, wenn ich nicht mit Ihnen flüchte? Erschießen Sie mich dann?
Er: Herr Pfitzer, ich habe das für Sie getan. Es tut mir wirklich leid, was ich mit Ihnen gemacht habe. Und da ich Ihnen bisher nur 200 Euro geben konnte, plagt mich mein schlechtes Gewissen.
Ich: Man, warum haben Sie nicht einfach Fußballspiele manipuliert? Das hätte bestimmt besser geklappt.
Er: Wollen Sie mir jetzt erzählen, wie man Geld macht? Sie haben doch wohl offensichtlich auch nichts.
Ich: Einen Schlüssel habe ich. Einen Schließfachschlüssel. Nur kenne ich das passende Schließfach nicht.
Er: Und den Inhalt?
Ich: Auch nicht.
Er: Na, wenn das alles ist, was Sie haben, hoffe ich, Sie können Fußballspiele manipulieren.
Ich: Nun, ich kenne da ein Sportcafé. Aber ohne Startkapital – keine Chance.
Er: Was machen wir denn jetzt?
Ich: Was Sie machen, ist mir egal. Ich werde jetzt nach Hause gehen.
Er: Aber Herr Pfitzer, da wartet sicher schon die Polizei.
Ich: Umso besser, dann können die gleich meinen Vermietersohn einsammeln.
Er: Aber die werden mich einsammeln wollen. Herr Pfitzer, ich bitte Sie, helfen Sie mir.

Es war Mitleid. Ich konnte den abgewrackten, alten Mann einfach nicht alleine in der Kleingartensiedlung stehen lassen. Von meinem letzten Geld aßen wir ein paar Cheeseburger in einem Fast-Food-Restaurant und mieteten uns für eine Nacht in einer Pension ein. Hier gibt es wenigstens Strom. Und wenn jemand auf dem Flur steht, kann ich beruhigt sein, denn ist es nur der Zuhälter von der Nutte aus dem Nachbarzimmer.

3 Hartz 4-Anträge abgegeben:

  1. Schade, daß bald Schluss ist. Veröffentlichst du deine Erfahrungen vorher noch als pdf oder so ?
    Schönes WE

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  2. Ja, es folgt eine komplett überarbeitete Version. Sowohl als PDF als auch gedruckt über den Buchhandel, für die ganz Hartgesottenen. Dauert allerdings noch ein paar Tage bis ihr euer Exemplar bei Amazon bestellen könnt.

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  3. cool!
    werd es aber vermissen jeden tag hier vorbeizuschauen

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