Samstag, 3. Juli 2010

Tag 358

In der Pension stank es schon morgens übel, als die Sonne durch die dreckigen Fenster hinein auf mein Gesicht schien. Der GEZ-Peter schlief noch und für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ob ich mich nicht heimlich, still und leise davon stehlen sollte. Ich hatte diesem Mann keinerlei moralische Verpflichtung gegenüber, umgekehrt, er war mir noch etwas schuldig. Aber genau diese Schuld wollte er begleichen – und ich meine Mietschuld. Deshalb waren wir überhaupt hier.
Sicherlich, es hätte einen Anflug von Gerechtigkeit gehabt, wenn ich den Gebührenspitzel einfach den Justizbehörden übergeben hätte. Ein Mann, der Menschen dazu genötigt hat, Eva Herman fürs Vorlesen der Nachrichten zu bezahlen, gehört bestraft. Doch ich bin kein Richter. Und ohne seine Bemühungen, ja auch ohne die 200 Euro Provision, die ich selbst finanziert hatte, wären die bisherigen WM-Spiele nur halb so schön gewesen und mein Leben noch ein stückweit mehr im Arsch.

So kam ich mir vor wie Brad Pitt in Thelma und Louise, nur ohne Thelma und auch ohne Louise. Mein neuer „Partner in Crime“ sah nach dem Aufstehen dafür mindestens so alt aus wie Susan Sarandon. „Wird Zeit das wir diese billige Absteige verlassen“, sagte ich, in einer Tonlage wie die Synchronstimme von Bud Spencer. Von draußen war ein entferntes Martinshorn zu hören. „Und wo sollen wir hin?“ fragte Peter. Ich suchte nach der Minibar und fand keine. Es war genau eine dieser Herbergen, in die man von einem geizigen Edgar Schellack bei einer längeren, auswärtigen Montage geschickt wird. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, hielt ich fest. „Entweder wir ziehen beide zu meinen Eltern, lassen uns dann 24/7 Filmen und verkaufen die Fernsehübertragungsrechte weltweit. Oder aber, wir finden heraus, wozu dieser Schlüssel gehört.“ Ich blickte konzentriert auf das kleine, silberne Stück Wertarbeit. „Nun, glauben Sie die Rechte kauft jemand?“, fragte das Schuldnerberaterdouble. Ich konnte meine Augen nicht von dem Schlüssel lassen. „Was soll es“, sagte ich schließlich. „Ziehen wir halt beide zu meinen Eltern. Ich schlage vor, Sie nehmen den Dachboden und ich den Keller, dort ist es kühler.“ Peter zwegaterte rum, das heißt, er wollte etwas sagen, konnte sich aber nicht für die richtigen Worte entscheiden: „Ich glaube… es könnte sein… vielleicht… also ich denke, ich kenne diesen Schlüssel“, entwich im schließlich. Ich horchte auf. „Als es damals das Begrüßungsgeld gab, da hab ich auch ein Schließfach angemietet. Mein Schlüssel sah genauso aus“, sagte er weiter. Ich fragte nach: „Wo? Wo war das Schließfach?“ „Am Bahnhof“, antwortete er. „An der Unterführung, wo die Obdachlosen immer…“ Ich wusste, welchen Ort er meinte.

Nichts wäre auffälliger gewesen, als wenn ich mich mit dem GEZ-Mann am helllichten Tage hätte am Hauptbahnhof sehen lassen. Es musste eine Tarnung her. Zunächst kleidete ich Peter in meiner Kleidung und setze ihn in der Fußgängerzone aus. Von dem wenigen Kleingeld, was er in der kurzen Zeit einspielte, kaufte ich Deutschlandfanartikel und Vuvuzelas. So konnten wir uns unerkannt unters Volk mischen. Ich hätte natürlich auch die unsägliche Menschendeko aus meiner Wohnung holen können, doch das Risiko war mir zu hoch. Ohne Geld wollte ich nicht zurück ins Wilhelmsche Horrorhaus.

Als Fußballfans getarnt betraten wir schließlich die Bahnhofshalle. Die Bundespolizei war auch schon da und lief auf den Bahnsteigen Streife. Viel Zeit würde nicht bleiben und so schickte ich mich an, die Schließfächer zu erreichen. Peter war noch nervöser als bei seinem missglückten Banküberfall. Es roch penetrant nach Urin der Obdachlosen, ich steckte den Schlüssel in das Fach mit der Nummer 127 und… er passte. Einen kurzen Moment hielt ich inne, schaute mich um und sicherte mich nach allen Seiten ab, dass uns niemand beobachtete. Im Fach selbst befand sich eine Flasche Apfelkorn, tatsächlich ein weiteres Pornoheft aus den 1970er Jahren und eine schwere Geldkassette.

Es war gar nicht so leicht diese unbemerkt aus der Bahnhofshalle zu transportieren. Überall sah man angetrunkene Fußballidioten und so stimmte ich ein Lied an und versuchte mit Peter an der Hand durch die Unterführung zu entkommen. Kurz liefen wir durch einen verlassenen Tunnel, bis am anderen Ende wieder Licht erschien. Doch weit kamen wir nicht.

„Was sind das denn für Opfer?“, fragte ein schwarzhaariges Migrantenkind ein anderes. „Keine Ahnung, Alter, Kartoffelspastis, Vater und Sohn haben sich verlaufen“.
„Voll der Bastard man, der sieht ja aus wie der Schuldentyp aus dem Fernsehen“, ein Dritter. Ich versuchte die Jugendlichen zu zählen, doch sie vermehrten sich wie die Fliegen. Ich wusste schon, warum niemand außer den Obdachlosen die Unterführung benutzt. Weil man auf der anderen Seite direkt in einem sozialen Brennpunkt landet.
„Hey, Jungs, na, wie geht`s? Wie läufts in der Hood? Schaut ihr auch gleich das Spiel?“, fragte ich die Gruppe. „Wir schauen gleich ein ganz anderes Spiel, man. Türkei gegen Deutschland, Alda.“, meldete sich der Wortführer. Ich korrigierte ihn: „Die Türkei spielt bei der WM doch gar nicht mit“. Er korrigierte mich mit einem Schlag ins Gesicht: „Wer hier mitspielt und wer nicht, entscheide ich man, ist das klar? Also, was macht ihr hier?“ fragte er. „Ihr habt das schon richtig erkannt. Ich und mein Vater, der gute Peter hier, wir haben uns verlaufen. Und wir gehen jetzt einfach wieder zurück.“ „Nichts da. Was ist in dem Ding da?“, fragte der Älteste der Randgruppe, der mit seinem umgewickelten Bandana aussah wie seine eigene Karikatur. „Keine Ahnung“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Verpisst euch. Wir nehmen das Ding“, sagte der Wortführer wieder. „Tut mir leid. Aber das Ding kommt mit uns“, konterte ich bestimmt.

Ein paar Schläge, Fußtritte und Minuten später kam ich wieder zu mir. Peter hatten sie noch übler zugerichtet. Die Geldkassette war weg und die Schläger auch. Wir waren am Arsch. „Sie sehen ja aus wie ein gerupftes Huhn“, stellte Peter fest. So fühlte ich mich. Doch was sollte ich machen? Die Polizei einschalten? Unmöglich. Und wenn der Inhalt der Geldkassette doch wertlos ist? Ich wollte gerade eine Zigarette anstecken und stellte dabei fest, dass die Jugendlichen mir auch meine Rauchwaren geklaut hatten, als ich mein Handy in der Hosentasche fand. Wahrscheinlich war ihnen das Modell schon zu alt, um es mitzunehmen. Ich erinnerte mich an den „Hustler“ vom Pfandautomat, fand auch auf Anhieb seine Nummer im Handy und rief ihn an. Schnell war Mesut, wie er eigentlich hieß, zur Stelle, passenderweise im Özil-Trikot. „Was los? Du hast Probleme hier gehabt? Man, dich haben ja sie ja krass erwischt, man. Das kommt davon, wenn man arbeitslos ist und auf der Straße rumhängt. Ich hab dir doch gesagt: Du musst hustlen, man.“ Ich fragte ihn nach den Schlägern und schnell stellte sich heraus, dass er jemanden kennt, der jemanden kennt, der die Schläger kennt. Oder zumindest einen von ihnen. Und so klopfte ich am späten Nachmittag an eine Plattbautür.

Er: Wer is da?
Ich: Pfitzer heiße ich. Ich komme wegen Özgür, ist der da.
Er: Özgür nix da.
Ich: Es geht um eine Geldkassette, die ihr Sohn gestohlen hat.
Er: Wer is da? Polizei?
Ich: Ja, hier ist die Polizei. Wo ist ihr Sohn, Herr… ehm… Öztürk? Özgür Öztürk? Na ach, egal. Also, wo ist er?
Er: Ich weiß nix.
Ich: Haben Sie was dagegen wenn ich mich mal umschaue?
Er: Ich nichts haben.
Ich: Dann machen Sie doch mal die Tür auf.
Er: Tür zu.
Ich: Nein, Tür auf!
Er: Tür zu, auf.
Ich: Tür auf, nicht zu.
Er: Nix Polizei.
Ich: Doch Polizei. Ich will jetzt rein.

Ich kam mir vor, wie Herr Wilhelm jr. Peter und Mesut, die neben mir standen konnten den Dialog genauso wenig nachvollziehen wie ich. Peter fühlte sich in dieser Gegend sehr, sehr unwohl. Wie es der Zufall wollte, kam just in dem Moment die Jugendgang um die Ecke, in dem wir unverrichteter Dinge wieder abziehen wollten. „Ey Lan“, rief Mesut. „Alter Özgür, bleib stehen, man. Ich wusste, dass du und deine Jungs das wart, man. Gib dem Jungen die Kassette man, er ist korrekt und außerdem ein Kunde von mir, ja?“. Özgür und seine Bande schienen Respekt zu haben. Immerhin, Mesut ist 17 und damit im Durchschnitt drei Jahre älter als die Gang. Ich kam mir vor wie ein Statist. Aber zwanzig Vierzehnjährige können brutaler sein als vierzehn Zwanzigjährige. „Alter, das nächste Mal, wenn ich wegen dir Deutschlandspiel verpasse, sag ich`s deinem Bruder, ist das klar, man?“, fragte Mesut drohend. Die Gang hinterließ uns die Geldkassette und entschuldigte sich vielmals für die Unannehmlichkeiten. Man gab mir die Zigaretten wieder und wünschte noch viel Erfolg beim Spiel.

Doch wie sollte ich das Teil öffnen, wenn schon zwanzig Unterschichtenkinder mit Migrationshintergrund das nicht zu Stande bringen? Ich warf sie nach einem Geistesblitz einfach vom Plattenbau, während Peter unten wartete. Tatsächlich, die Kassette zersprang. Ich musste mich beeilen, denn es würde nicht lange dauern, bis neue Sozialschwache auftauchen würden, um uns unserer Beute zu berauben. „Was ist drin, Peter, was ist drin?“ fragte ich aufgeregt. „Ein Brief. Ich lese vor: Li.. was soll das heißen? Ach, lieber Helmut. Lieber Helmut, Es fräut mich das du das Schlissfach gefunden hast. Es ist ales drhin, wi gesprohen.“ Eine Flasche Apfelkorn und ein Pornoheft. Vielleicht war es nur ein Carepaket nach dem Justizvollzug. „Das ist alles?“ fragte ich mich selbst enttäuscht. Alle Bemühungen um sonst.

Ich setze den Rundfunkschnüffler noch zwei Stunden in die Fußgängerzone und kaufte mit ihm gemeinsam Bier, was wir genüsslich noch auf dem Parkplatz des Discountermarktes tranken. Was für ein beschissener Tag.

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