Die argentinische Prostituierte aus dem Nachbarzimmer musste sehr zu unserem und ihrem Leidwesen Sonderschichten schieben. Selbst als Professionelle, die schon alles gesehen, gehört und gespührt hat, dürfte es peinlich und erniedrigend zu gleich sein, wenn die Freier beim Orgasmus „Tor, Tor, Tor“ brüllen. Ich fand das Geschreie schon von Weitem aus unerträglich.
Peter war davon überzeugt, sich der Polizei stellen zu müssen. „Ich will Sie nicht länger da mit hinein ziehen“, meinte er. „Gehen Sie ruhig nach Hause“. Unabhängig davon, dass ich keine Zuhause mehr habe, fragte ich zurück: „Und was wird aus Ihnen?“. „Nun“, antwortete er „Ich habe doch gestern schon in der Fußgängerzone geübt. Besser sie kriegen mich wegen dem Überfall, im Gefängnis ist die Grundversorgung wenigstens sichergestellt“.
Wieder war es Mitleid, das mich erfasste, als ich das Schuldnerberaterdouble ansah. Ich könnte ihn wirklich bei meinen Eltern im Dachboden lagern, dachte ich. Die Enttäuschung über das Schließfach war mir immer noch ins Gesicht geschrieben. Doch ich hatte meinen Vater vor dem Knast bewahrt, also würde mir das beim GEZ-Schnüffler auch gelingen. Was blieb mir auch anderes übrig?
Frühstück war bei unseren Übernachtungen inklusive. Ich schätze, die Pensionschefin, eine ältere Dame, die vermutlich auch im Gewerbe tätig war oder noch ist, hielt Peter und mich für ein Homopärchen bzw. mich für Peters Freier. Mir war`s egal. Ich forderte zusätzlich zum knüppelharten Brötchen mit alter Marmelade noch ein Herrengedeck. Kurze Zeit später brachte sie mir ein Pils und einen Schnaps, doch das reichte mir nicht: „Gute Frau, ich meinte natürlich ein „Willy-Herren-Gedeck“. Also mindestens das Dreifache.“
„Du gefällst mir“, sagte eine einsame Stimme am Nachbartisch. Es war der Zuhälter der argentinischen Nutte. Er hatte zwar Ähnlichkeit mit Diego Maradona, weil er sich auch einen weißen Saddam-Hussein-Bart stehen ließ, war aber reinrassig deutsch und einfach nur vom Leben gezeichnet. „Na, los. Kommt rüber. Seid nicht schüchtern“. Einen Moment überlegte ich und fürchtete mich vor einem homoerotischen Dreier, bei dem ich für Geld sogar mitgemacht hätte. „Ihr seid doch keine Schwuchteln, oder? Der da sieht ja schon so aus, aber du? Was führt euch in dieses wunderschöne Etablissement? Interesse an ein paar heißen Latinas?“ fragte der Zuhälter. „Immer doch“, erwiderte ich. „Allerdings sind wir finanziell nicht so gut aufgestellt.“ „Wirtschaftskrise, was? Meine Geschäfte liefen auch mal besser.“ Er nippte an seinem Whiskeyglas. „Was kannst du denn anbieten?“, fragte er. „Ehrlich gesagt“, antwortete ich „Habe ich nur eine Flasche Apfelkorn und ein Pornoheft.“ Er lachte. Ich weiß gar nicht, was an meiner Armut witzig sein soll. Aber Hauptsache andere können sich darüber amüsieren.
„Für den Apfelkorn kann ich dir zwei Minuten Blowjob geben. Aber von meiner hässlichsten Stute. Aber für das Pornoheft bekommst du nichts, es sei denn es ist die Hustler Erstausgabe von 1974, aber die ist es wohl nicht.“ Ich spuckte den Schnaps halb über den Tisch, nicht unbedingt wegen der Aussage, sondern vielmehr wegen des Geschmacks. Trotzdem: Der Gedanke war genial. Es ging nie um die Geldkassette. Das Pornoheft ist der Schatz gewesen. „Wenn es diese Ausgabe wäre, wie viel ist sie dann wert?“, fragte ich den Zuhälter interessiert. „15, vielleicht 20“, meinte er. „Für zwanzig Euro gibt es eine Menge Tiefkühlbaguettes“, dachte ich laut als ich in das alte Brötchen biss. „20000 Euro“, korrigierte er mich. Mir blieb das Brötchen im Hals stecken.
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf, schnappte mir Peter und fuhr mit ihm zum Bahnhof. Die Bahnhofshalle betrat ich jedoch alleine. Als ehemaliger Stasti- und anschließender Rundfunkspitzel kannte Peter die Kunst der Tarnung und so ließ ich ihn getrost in einem Gebüsch zurück. Ein Obdachloser verrichtete gerade sein Geschäft an der Schließfachwand, als ich meinen Schlüssel ins Schloss gleiten ließ. Ich schenkte ihm den Apfelkorn, er bedankte sich, indem er mir ausversehen auf die Schuhe pinkelte und ich entnahm das Pornoheft. Tatsächlich. Die Erstausgabe des Hustlers. In einem top Zustand, keine verklebten Seiten oder Flecke. Mit dem Tittenheft unterm Arm schnappte ich mir Peter und fuhr zurück in die Pension.
Ein Freier tobte gerade, als in Pensionschefin Petra hinaus warf. Der Zuhälter saß immer noch am Tisch und kippte Korn. „Das gibt es doch gar nicht. Wie hast du die denn so schnell aufgetrieben?“ fragte er ungläubig, als ich ihm das Pornomagazin unter die Nase hielt. Er hätte fast auf das Blatt gesabbert, so sehr freute er sich darüber. Kalle, das war sein Name, war leidenschaftlicher Pornoheftchensammler. Eigentlich würden seine Frauen nur für diese Sammelleidenschaft anschaffen gehen, erklärte er. Am frühen Abend trieb er 20000 Euro auf. Ich fühlte mich übers Ohr gehauen, aber beim Anblick von soviel Geld wurde ich schwach. Außerdem gab es die Argentinierin dazu.
Jetzt habe ich Peter mit ihr alleine gelassen. Es ist nur fair, wenn wir den Betrag teilen. So können wir beide einen Neuanfang starten. Heute Nacht wird auf jeden Fall noch ausgiebig in der Pension gefeiert. Kalle ist in Spendierlaune und das muss ich ausnutzen.
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