Freitag, 9. Juli 2010

Tag 364

Die Entlassungsformalitäten dauerten ewig. Als wäre ich mit meinem verkrüppelten Astralkörper nicht genug gestraft, wurde ich auch noch auf Gehhilfen fünfmal quer durch die Station geschickt. Für einen kurzen Moment hätte mich diese Tortur sogar mit allen gehbehinderten Senioren und Seniorinnen des Landes versöhnt, im krankhauseigenen Bistro musste ich ihnen allerdings dann beweisen, dass ich ihre Attacken nicht mehr ohne Gegenwehr hinnehme. Trotz vollem Körpereinsatz habe ich das Stückchen Kuchen dennoch nicht bekommen.

Als ich nach langem Warten endlich den Assistenzarzt zu Gesicht bekam, versuche er mich wieder mit seinem nichtvorhandenen Humor zu erfreuen. „Sind wir denn etwas wackelig auf den Beinen“, fragte er, während ich ihm auf den Gehhilfen entgegen humpelte. „Lassen Sie mich endlich hier raus. Ich muss mir einen Job suchen und arbeiten“. Ja, das hatte ich gesagt, ohne jegliche Ironie und mit voller Entschlossenheit. Schneider, Brunner, Cartier – ich hatte sie alle besiegt. Doch beim Anblick des Damenbartes von Frau Mihalovic, weiß auch ich, wann Schluss ist und mit wem man sich besser nicht anlegt. Und die Übernahme der Firma Schellack Elektrotechnik ist durchaus eine Option, mit der ich meine Zukunft bodenständig und geordnet gestalten könnte. „Das können Sie vergessen“, lachte der Arzt spöttisch. „Die nächsten sechs Monate steht Krankengymnastik auf dem Programm. Na ja, eigentlich nur zwei Termine, mehr wird Ihre Kasse nicht bezahlen. Trotzdem: Bei den komplizierten Brüchen werden Sie eine lange Zeit arbeitsunfähig sein“.
„Arbeitsunfähig?“ fragte ich ungläubig und lange hallte das Wort über den Stationsflur.

Ein Jahr lang hätte ich alles für einen Zettel gegeben, der mir offiziell bescheinigt, dass ich unfähig bin zu arbeiten. Ich hätte ihn mir eingerahmt, vielleicht Flyer damit gestaltet und über der Stadt per Flugzeug abgeworfen. Jeder hätte es wissen sollen, dass Christian Pfitzer arbeitsunfähig ist. Doch jetzt? Nicht den Anflug von Freude. Im Gegenteil, tiefe, innere Sehnsucht nach vulgären Baustellendialogen, engen Kabelschächten und schweißtreibenden Montagen erfasste mich. Und die Panik, dass ich sehr lange nicht selbstständig onanieren könnte. Ich will arbeiten – und kann es nicht. Es ist tatsächlich ganz genau so wie bei den alkoholkranken Akademikern, die man noch von der Schule oder aus dem Fernsehen kennt. Der Wille ist da, doch die Möglichkeiten begrenzt.

Zum ersten Mal seit einem Jahr fühlte ich mich entmannt. Und das lag nicht daran, dass ich direkt nach dem Betreten meiner Wohnung alle erdenklichen akrobatischen Möglichkeiten erfolgslos ausprobierte, um mir sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Nein. Es ist die Arbeitslosigkeit, die mich minderwertig fühlen lässt. Ein dickes Konto, Mietfreiheit und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Wie lange hatte ich mich danach gesehnt, doch jetzt, wo ich alles habe, fühlt es sich in mir leer an.

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