Montag, 25. Juli 2011

Ende und Neubeginn

Über ein Jahr ist es nun her, dass ich Deutschland und damit auch diesem Blog hier den Rücken gekehrt habe. Eine zu lange Zeit, wie ich finde. Vieles hat sich in meinem Leben verändert. Einiges zum Positiven, anderes zum Negativen. Auch ein Jahr nach dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit bin ich aber immer noch der Christian geblieben, den ihr kennengelernt habt. Jung, undynamisch, unflexibel und dafür immer in Schwierigkeiten. Was wäre mein Leben auch ohne Sorgen, Stress und Schulden bei der Arbeitsagentur?

Wie es weiterging erfahrt Ihr bald – jedoch an anderer Stelle.
Ab diesem Herbst könnt Ihr auf http://abgewrackt.blogspot.com regelmäßig ein neues Kapitel meines Daseins aufschlagen. Ist das etwa nichts?

Ich freue mich, wenn treue Fans und neue Leser das neue Blog zahlreich besuchen.

Mit dem Start von „Abgewrackt 2“ endet aber auch die Ära dieser Seite endgültig. Alle älteren Beiträge werden in den nächsten Tagen gelöscht. Wer den ersten Teil dennoch nicht missen möchte und noch nicht bei der kostenlosen PDF-Variante den Downloadmanager angeschmissen hatte, bekommt nun noch einmal die Gelegenheit, das komplette Werk käuflich zu erwerben. Für 3,44 Euro (also weniger als einen schlappen Cent pro Tag) wird es zukünftig im Amazon Kindle Store erhältlich sein.

Wer keinen Kindle sein eigen nennt, geht leider erst einmal leer aus. Ob und wie das eBook zu „Abgewrackt – Die Anekdoten eines Arbeitslosen“ für weitere Reader bzw. Formate erscheinen wird, steht noch in den Sternen. Der Kindle-Store funktioniert allerdings auch auf jedem Smartphone, Tablet oder PC.

Wer mich zukünftig und für bereits geleistete Arbeit unterstützen möchte ohne gleich ein eBook zu kaufen, hat dazu nun mittels Flattr die Möglichkeit. Alle auf diesem Wege geleisteten Spenden werden sofort ihrem natürlichen Verwertungskreislauf (Bier, Tiefkühlbaguettes und Nutten) zugeführt.

Öffentlichen Solidaritätsbekundungen, Zuprosten oder Bewerbungsnacktfotos steht nun auch nichts mehr im Wege. Christian ist jetzt auf Facebook. Als Fan erfahrt Ihr dort exklusiv, wann und wie es mit dem neuen Blog losgeht.
Gefällt mir!

Nochmal in Kurzform:
- Bookmark anpassen
- eBook kaufen
- Für Bier und Nutten die Pinke in den virtuellen Klingelbeutel schmeissen
- Fan werden
- Abgewrackt 2 lesen

Auf einen heißen Herbst! Man liest sich!

Euer,
Christian

Freitag, 30. Juli 2010

Urlaub

Urlaub ist eine feine Sache.
Zuerst hatte ich überlegt, ob ich mit der Aktion „Pfandflaschensammeln für Ameland“ in der Innenstadt niederlasse und mir so meine Reise finanzieren sollte. Doch weil der beliebteste Bettelort direkt neben der Außenstelle des Kinderschutzbundes liegt, befürchtete ich nach meiner Charity-Aktion einen Charité-Aufenthalt. Der Trauertourismus boomt, aber Ferien in einem Tunnel sind nicht so meine Sache. Wobei Trauernde und Bettler sich recht ähnlich sind. Viele innenstädtische Bettler haben auf ihren selbstgekrakelten Schildern kreative Sprüche. „Habe Diabetes“ oder „Leide an Hartz IV“. Neulich hingegen traf ich einen Zeitgenossen, der seinen Pappkarton nur durch ein schlichtes „Bin am Betteln“ verziert hatte. Aufgrund der sitzenden Haltung in der Fußgängerzone und des Hundenapfes mit Kleingeld neben ihm hätten das die Passanten sicher nie gemerkt. Ich fahre ja auch nicht mit dem Bus und hänge mir dabei ein Schild mit „Bin am Busfahren“ um den Hals. Trauernde schon, die schreiben auf ihre Transparente auch „Wir trauern“, weil man sie sonst mit einer Gothicparty verwechseln könnte. Auf einem großen Plakat in Duisburg steht derzeit auch geschrieben: „Hier starben im Interesse der konsum- und profitorientierten Spaßindustrie 20 Menschen“ Darunter befinden sich unzählige Funzelkerzen, 2-Cent-Teelichter, Plüschteddybären aus dem Kirmesautomat und Plastikrosen vom Schießstand daneben – kurz: billiger Ramsch, produziert von der „konsum- und profitorientierten Spaßindustrie“. Diese sensationsgeilen und verblödeten Kadavertouris sollte man auch mal zerquetschen. Hoffentlich kommt es bei der Trauerfeier zur Massenpanik und Merkel und Wulff sind mitten drin.
Aber was rege ich mich auf, ich bin von allem weit weg. Ich sitze im wunderschönen Thailand, lagere mein gebrochenes Bein und schaue über Satellit RTL oder schlechte Pornos, was intellektuell auf das Gleiche hinausläuft. Ich Idiot musste bei dem billigsten All-Inclusive-Angebot zuschlagen. Hier angekommen stellte ich enttäuscht fest, dass Regenzeit herrscht und auch die Rothemden keine Party mehr feiern. Die Thaifrauen vögel ich aus Angst vor Krankheiten nicht, da müssen die schlechten Pornos reichen. Wenigstens ist das Bier billig und Post von der Arbeitsagentur bekomme ich hier auch nicht.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Was WikiLeaks nicht veröffentlichen wollte...

...findet Ihr jetzt hier - 365 Tage Arbeitslosigkeit zusammengefasst auf 477 Seiten. Ein Dokument, das schockiert und die wahre Fratze der Behörden und Leistungsempfänger enthüllt.

Viel Spaß!

Freitag, 23. Juli 2010

Gegen Langeweile und die Sommerpause!

Langsam ist es mir wieder möglich ohne fremde Hilfe zu essen. Das trifft sich sehr gut, denn gerade beim ohnehin unschönen Dinner im Elternhaus demütigt es einen noch mehr, wenn man dabei mit einem Plastiklöffel von der Mutter gefüttert wird, während man vorher in ein Babylätzchen eingewickelt wurde. Wenn der Fras dann noch so widerlich schmeckt, dass man sich bei jedem Bissen am liebsten übergeben würde, man es aber nicht kann, ohne seine Mutter vollzukotzen, ist ein Zustand erreicht, in dem man jede Art von Freitod seiner Behinderung vorzieht.

Sie: »Stell dich nicht so an, Christian. Ich hatte auch schon mal den Arm gebrochen und nicht so ein Theater darum gemacht.«
Er: »Lass ihn, Schatz. Er macht doch Fortschritte.«
Sie: »Es ziemt sich einfach nicht, Pizza mit der Hand zu essen. Eigentlich ziemt es sich überhaupt nicht, Pizza zu essen.«
Er: »Außer mit Blick auf die Adria. Wir sollten mal wieder verreisen, findest du nicht auch?«
Sie: »Unbedingt.«
Ich: »Oh, ja. Urlaub könnt ich auch gut gebrauchen.«
Sie: » Papperlapapp. Was du brauchst, ist eine anständige Arbeit.«
Ich: »Mutti, ich bin krankgeschrieben. Arbeitsunfähig. Selbst das Arbeitsamt hat das eingesehen.«
Sie: »Ach, die sind doch bloß froh, wenn du aus der Statistik raus bist. So sieht es nämlich aus.«
Er: »Ganz genau, Schatz.«
Ich: »Soll mir auch recht sein. Also, wohin geht die Reise?«
Er: »Also Christian, wir hatten jetzt nicht geplant, dich mitzunehmen.«
Ich: »Warum nicht? Früher musste ich auch immer mit, obwohl ich nicht wollte. Jetzt will ich und darf nicht. Wo bleibt da die Logik?«
Sie: »Damals warst du minderjährig. Wir hatten die Aufsichtspflicht.«
Ich: » Ach so ist das.«
Er: »Was hältst du von den Bahamas, Schatz?«
Sie: »Klingt gut.«
Ich: »Thailand soll schön sein zur Zeit.«
Er: »Thailand?«
Ich: »Ja. Spiel, Spaß, Spannung. Alles drin, in Thailand.«
Sie: »Papperlapapp. Ich mag keine Schlitzaugen.«
Ich: »Aber auf den Bahamas sind Neger.«
Sie: »Hm. Die sprechen Englisch, die sind wenigstens ein bisschen so wie wir.«
Ich: »Seit wann kannst du Englisch?«
Sie: »Papperlapapp. Dann eben nicht auf die Bahamas.«
Ich: »Wie wäre es mit Ameland?«
Er: »Das ist ja schrecklich, was dort passiert ist.«
Sie: »Ja, unfassbar. Wie können die Kinder nur so etwas tun?«
Ich: »Katholische Erziehung, wenn ihr mich fragt.«
Beide: »Christian!«
Sie: »Also wirklich.«
Ich: »Halb so wild. Irgendwann wird der Papst ihnen sicher verklickern, dass es sich nicht ziemt, anderen kleinen Jungs mit der dicken Colaflasche den klitzekleinen Anus wund zu bumsen. Natürlich nur, wenn nicht gerade die Iren dazwischen kommen.«
Sie: »Muss es denn sein? Solche Wörter beim Essen.«
Ich: »Ich gelobe hiermit nie wieder am Essenstisch Papst zu sagen.«
Er: »Christian, du weißt, was deine Mutter meint. «
Ich: » Aber ihr redet doch auch darüber.«
Er: »Was deine Mutter sagte war, dass es schrecklich ist, was dort passiert ist.«
Ich: »Ja, ich finde es ja auch schrecklich, dass die denen Nudelhölzer und Baseballkeulen in den Arsch geschoben haben.«
Sie: » Christian, es reicht.«
Ich: »Ich drücke doch nur mein Bedauern aus.«
Er: »Verschone uns mit Details!«
Ich: » Wenn schon, denn schon. Wusstet ihr schon, dass ein paar Jungs erst mitgemacht haben, nachdem sie selbst die Kerze in die Mokkahöhle bekommen haben? Das ist doch fast wie in der Kirche, oder nicht?«
Sie: »Wenn du nicht augenblicklich aufhörst, kannst du bei dir zu Hause weiter Unsinn über die Kirche reden.«
Er: »Treib es nicht zu weit! Oder hast du wieder irgendwas genommen?«
Ich: »Nicht das ich wüsste.«
Sie: »Das kommt alles von diesem Cannadingens. Bestimmt hatten die Kinder auch was davon geraucht, da denkt man ja nicht mehr richtig, wie man an unserem Sohn hier unschwer erkennen kann.«
Ich: »Das geht nicht.«
Sie: »Und wieso soll das nicht gehen?«
Ich: » Weil es auf Ameland keine Coffeeshops gibt.«
Sie: »Und woher will der Herr das wissen?«
Ich: » Wir waren dort auf Klassenfahrt mit der Realschule, du erinnerst dich?«
Sie: »Ach, und da hattest du nichts Besseres zu tun, als nach Drogen Ausschau zu halten? Wie alt warst du da? 14? 15?«
Ich: »Was hätte ich denn machen sollen? Meinen Mitschülern nachts die Poperze spreizen und mit der Taschenlampe ausleuchten?«
Sie: » Raus, Christian!«

Danke! Ehrlich gesagt, ist es mir vollkommen egal, wann, wo und wie, welches Kind mit einem anderen Kind fickt und ob es freiwillig oder unfreiwillig passiert. Die Kinder von heute sind sowieso alle gefickt. Und ob Dennis (15) nun Kevin (13) die Colaflasche in den Arsch, oder Dennis (15) und Kevin (13) ihre Prengel in Jaquelines (10) Muschi schieben, mag andere interessieren, aber mich nicht. Was liegt denn näher, als dass Jungs, die vermutlich noch nachts von der deutschen Fußballnationalmannschaft träumen, in einem Sportlager andere Jungs ins Popoloch penetrieren?

Die Kirche ist schwul und Fußball ist auch schwul. Wenn wir Papst und(Fast-)Weltmeister sind, dürfen wir uns nicht wundern, wenn unsere Kinder rumschwulen.
Aber es gibt neben Fußball und der Kirche noch viele andere Gründe, warum die Jugend aus einem Haufen sexuell Orientierungsloser besteht. Wer statt ordentlichen Hetero-Hardcore-Fickfilmen, in seiner Jugend lieber Mangapornos konsumiert, in denen der Cousin mit der Cousine ganz ohne Drogen eine Stunde lang durchvögeln kann, obwohl sich ihre Vagina zwischenzeitlich in einen Superpenis verwandelt hat, wird irgendwann übermütig und hält sich für einen immergeilen Schwammkopf. Und wenn noch dazu Bushido anfängt und der Jugend erzählt, dass es schon okay sei, Sex mit dicken Frauen zu haben und es auf die inneren Werte ankäme, muss man sich wirklich nicht mehr wundern, wenn irgendwann jedes Loch gefickt wird, in dessen Nähe sich keine Haare befinden.
Ich sollte dem Stadtsportbund Osnabrück dennoch nahe legen, nächstes Jahr nach Belgien zu reisen. Dort fallen sie nicht so auf. Wahrscheinlich werden sie aber eher vom Erzbistum nach Augsburg einbestellt. Meinen Job im Priesteramt kann ich bei der Konkurrenz auf jeden Fall knicken.

Hauptsache ist aber, dass ich weder eine Colaflasche noch diesen Fras weiter in mich hineinstopfen musste, sondern mir zu Hause selbstständig ein wohlschmeckendes Bier öffnen konnte.

P.S.: Das PDF erscheint voraussichtlich im Laufe des Sonntages!

Dienstag, 13. Juli 2010

Wie es weitergeht...

...kann ich an dieser Stelle noch nicht mit absoluter Sicherheit sagen.

Fest steht aber, dass nach 365 Tagen noch nicht alles vorbei ist.
Das Blog wird in den nächsten Tagen überarbeitet und zunächst in der Hartz IV-Variante für Jedermann, in der kostenlosen PDF-Version, veröffentlicht.
Wer es klassischer mag und ein paar Euro investieren möchte, wird bald die Gelegenheit erhalten, "Abgewrackt - Die Anekdoten eines Arbeitslosen" über das Internet oder den Buchhandel in gebundener Form zu erwerben. Natürlich auch ideal als Geschenk für (frische) Arbeitslose geeignet.

Ein Jahr mit ALG1 geht zu Ende, doch es gilt, was ich bereits der Kanzlerin schrieb: Wie es weiter geht, ist ungewiss. Eine baldige Rückkehr an dieser Stelle nicht ausgeschlossen.

Bis dahin danke ich allen Lesern, natürlich auch den Leserinnen, die sich vom offenen Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht haben abgeschrecken lassen, für ihre Treue, ihr Durchhaltevermögen, ihre Kommentare und ihre Zuschriften. An dieser Stelle besonderen Dank für das Angebot, Bier zu spenden!

Samstag, 10. Juli 2010

Tag 365

Liebe Herr Bundeskanzlerin Merkel,

nach langen Tagen, Wochen und Monaten, in denen ich verzweifelt auf Antwort von Ihnen wartete, habe ich es nun aufgegeben.

Mittlerweile bin ich froh, nicht Teil Ihres Versagerkabinettes geworden zu sein. Eine größere Schmach hätte ich wohl nur erfahren, wenn meine Eltern mich auf ein Fußballinternat geschickt hätten und ich nun für den DFB spielen müsste.

Im Moment sitze ich auf meinem Balkon und übe mich darin, mit zwei gebrochenen Armen zu schreiben. Sicherlich, ich könnte mir schöneres vorstellen, doch eigentlich geht es mir gut.
Ich muss mich nicht mit sinkender Beliebtheit oder schlechten Umfragewerten herumschlagen, denn mich mochte sowieso noch nie jemand. Ich muss mir auch nicht eingestehen, dass meine größten Konkurrenten Roland Koch und Sigmar Gabriel sind, was mit Sicherheit zu einer handfesten Depression führen würde. Und ich muss mir heute Abend auch nicht dieses lächerliche Spiel um den dritten Platz bei der Fußball-WM anschauen, denn mein Fernseher bleibt von nun an guten Gewissens aus. Ich würde fast behaupten, mir geht es in allen wesentlichen Punkten besser als Ihnen.

Was nun aus mir wird? Ich weiß es nicht. Aber ich habe sechs Monate Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen. Vielleicht veröffentliche ich meine Erfahrungen in einem Buch und schwäche damit nachhaltig die Arbeitsmoral in diesem Land. Vielleicht gönne ich mir auch erst einmal einen Urlaub, so wie Sie. Wir werden sehen…

In einem Land zu leben, in dem die Wähler von Ihrer Regierung die Schnauze voll haben, gibt Hoffnung. Würden sie nicht dafür die große Koalition zurückhaben wollen, könnte man sich glatt daran klammern.

Doch ob Arnsberg oder Afghanistan, Mainz oder Mallorca, Tübingen oder Thailand – wo immer ich hingehen werde, und da geht es mir wie Ihnen, werde ich ein Stück deutsche Kultur mitnehmen.

Leben Sie wohl, Frau Bundeskanzler, und nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich als Arbeitsminister zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen werde.

Mit freundlichen Grüßen,
Christian Pfitzer

Freitag, 9. Juli 2010

Tag 364

Die Entlassungsformalitäten dauerten ewig. Als wäre ich mit meinem verkrüppelten Astralkörper nicht genug gestraft, wurde ich auch noch auf Gehhilfen fünfmal quer durch die Station geschickt. Für einen kurzen Moment hätte mich diese Tortur sogar mit allen gehbehinderten Senioren und Seniorinnen des Landes versöhnt, im krankhauseigenen Bistro musste ich ihnen allerdings dann beweisen, dass ich ihre Attacken nicht mehr ohne Gegenwehr hinnehme. Trotz vollem Körpereinsatz habe ich das Stückchen Kuchen dennoch nicht bekommen.

Als ich nach langem Warten endlich den Assistenzarzt zu Gesicht bekam, versuche er mich wieder mit seinem nichtvorhandenen Humor zu erfreuen. „Sind wir denn etwas wackelig auf den Beinen“, fragte er, während ich ihm auf den Gehhilfen entgegen humpelte. „Lassen Sie mich endlich hier raus. Ich muss mir einen Job suchen und arbeiten“. Ja, das hatte ich gesagt, ohne jegliche Ironie und mit voller Entschlossenheit. Schneider, Brunner, Cartier – ich hatte sie alle besiegt. Doch beim Anblick des Damenbartes von Frau Mihalovic, weiß auch ich, wann Schluss ist und mit wem man sich besser nicht anlegt. Und die Übernahme der Firma Schellack Elektrotechnik ist durchaus eine Option, mit der ich meine Zukunft bodenständig und geordnet gestalten könnte. „Das können Sie vergessen“, lachte der Arzt spöttisch. „Die nächsten sechs Monate steht Krankengymnastik auf dem Programm. Na ja, eigentlich nur zwei Termine, mehr wird Ihre Kasse nicht bezahlen. Trotzdem: Bei den komplizierten Brüchen werden Sie eine lange Zeit arbeitsunfähig sein“.
„Arbeitsunfähig?“ fragte ich ungläubig und lange hallte das Wort über den Stationsflur.

Ein Jahr lang hätte ich alles für einen Zettel gegeben, der mir offiziell bescheinigt, dass ich unfähig bin zu arbeiten. Ich hätte ihn mir eingerahmt, vielleicht Flyer damit gestaltet und über der Stadt per Flugzeug abgeworfen. Jeder hätte es wissen sollen, dass Christian Pfitzer arbeitsunfähig ist. Doch jetzt? Nicht den Anflug von Freude. Im Gegenteil, tiefe, innere Sehnsucht nach vulgären Baustellendialogen, engen Kabelschächten und schweißtreibenden Montagen erfasste mich. Und die Panik, dass ich sehr lange nicht selbstständig onanieren könnte. Ich will arbeiten – und kann es nicht. Es ist tatsächlich ganz genau so wie bei den alkoholkranken Akademikern, die man noch von der Schule oder aus dem Fernsehen kennt. Der Wille ist da, doch die Möglichkeiten begrenzt.

Zum ersten Mal seit einem Jahr fühlte ich mich entmannt. Und das lag nicht daran, dass ich direkt nach dem Betreten meiner Wohnung alle erdenklichen akrobatischen Möglichkeiten erfolgslos ausprobierte, um mir sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Nein. Es ist die Arbeitslosigkeit, die mich minderwertig fühlen lässt. Ein dickes Konto, Mietfreiheit und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Wie lange hatte ich mich danach gesehnt, doch jetzt, wo ich alles habe, fühlt es sich in mir leer an.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Tag 363

Von dem gestrigen Fußballspiel habe ich lediglich den leisen ARD-Livekommentar über den Flur mithören können, allerdings auch nur dann, wenn einer der beiden Untoten mal nicht gestöhnt oder geschnarcht hat. Ich fühlte mich wie in Misery ohne in einer Partnerschaft zu sein.

In einem städtischen Klinikum kann der Alltag monotoner und gleichförmiger sein als in meinen eigenen vier Wänden. Ja, das geht. Pünktlich klopfte Schwester Rabbiata, brachte den gleichen Fras wie gestern und kündigte die Visite an, die wieder viel zu spät erfolgte.

Er: Ach, Herr Pfitzer, Sie sind ja immer noch hier!?
Ich: Sollte ich entlassen werden?
Er: Nein. Aber Sie wollten sich doch etwas zu lesen holen.
Ich: Haha.
Er: Kleiner Scherz, Herr Pfitzer. Aber ich bräuchte noch dringend Ihre Krankenkassenkarte und die 10 Euro Gebühr.
Ich: Ich finde Sie nicht lustig.
Er: Nun, das war kein Scherz. Außerdem brauche ich noch ein paar Daten für die Versicherung. Sie sind also von Ihrem Balkon gefallen?
Ich: Ja.
Er: Was haben Sie auf dem Balkon gemacht?
Ich: Was soll ich gemacht haben? Ich stand dort.
Er: Und warum sind Sie runtergefallen?
Ich: Baumängel. Deshalb waren ja auch die Handwerker da, schätze ich.
Er: Oh, dann muss ich das an die Polizei weitergeben.

Just in diesem Moment öffnete sich erneut die Tür und Herr Wilhelm sn. stürmte herein.

Wilhelm: Herr Pfitzer, Herr Pfitzer, geht es Ihnen gut?
Ich: Den Umständen entsprechend. Ich habe Ihr Geld, Herr Wilhelm.
Arzt: Also, ich gebe das dann an die Polizei.
Wilhelm: Polizei?
Arzt: Ja? Wer sind Sie, wenn ich fragen darf.
Wilhelm: Wilhelm, Wolfgang Wilhelm. Bin der Vermieter von dem jungen Herrn.
Arzt: Dann gehört Ihnen der baufällige Balkon?
Wilhelm: Baufällig? Wieso?
Arzt: Na, weil der junge Mann von dort einen Abflug gemacht hat.
Wilhelm: Wir dachten, es sei ein Selbstmordversuch, mein Sohn und ich. Wegen des ganzen Ärgers, wegen der Miete. Wir haben auch den Notarzt gerufen.
Arzt: Das war sehr gut von Ihnen, Herr Wilhelm. Trotzdem, wenn bei dem Unfall grobe Fahrlässigkeit vorliegt, muss ich das melden.
Wilhelm: Aber…
Ich: Lassen Sie nur. Ich denke, ich habe mich einfach zu weit über das Geländer gelehnt. Und da ist es passiert.
Arzt: Sind Sie sicher, Herr Pfitzer?
Wilhelm: Es war ein Unfall! Wir wollten doch nicht…
Ich: Ganz genau so war es. Ein Unfall.

Als der Arzt mit dem Hinweis, dass Morgen wieder das Murmeltier grüßt, verschwunden war, beteuerte Wilhelm sn. noch lange, wie leid ihm alles tut. Ich solle mir um die Miete für die nächsten Monate keine Sorgen machen, solange ich bloß nicht die Polizei einschalte. Wilhelm jr. sei ja neulich erst betrunken Auto gefahren und könnte jetzt keine weiteren Probleme mit den Behörden gebrauchen.

Immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf, wenn ich morgen dieses Negativbeispiel für das deutsche Gesundheitswesen endlich wieder verlassen darf.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Tag 362

Als ich wach wurde, fand ich mich in einem Krankenhausbett wieder. Auf dem Tisch standen welke Blumen und der warme Sommerwind blies vor die geschlossenen Fenster. Neben mir nahm ich leises Stöhnen wahr, das nicht nach einer weiblichen Person klang. Es klopfte an der Tür und eine grottenhässliche, dicke, alte Krankenschwester trat ein. „Frühstück und Bettpfannenwechsel“ sagte sie harsch, während sie mir ein ekelhaftes Frühstück und ein Glas gammeligen Orangensaft auf den Nachttisch stellte. „Scheiße“, sagte ich reflexartig. „Haben Sie auch endlich ausgeschlafen?“ fragte sie. „Auf Scheiße im Bett hab ich jetzt gar keinen Bock, also halten Sie bloß Ihren Schließmuskel geschlossen!“, fügte sie jedoch schnell hinzu ohne eine vorherige Antwort abzuwarten.

Ich sah mich im Zimmer um. Ich lag am Bett zum Fenster, neben mir ein etwa 50jähriger Mann in einer Art Wachkoma und zur Wandseite ein Opa, der Röcheln und Stöhnen abwechselte. War das die Intensivstation oder das Sterbezimmer?
Auf jeden Fall hatte ich zu viele Zombiefilme in meiner Kindheit gesehen, um es bei vollem Bewusstsein noch einen Moment länger in diesem Raum auszuhalten.
Ich versuchte mich aufzurichten, was mir schwer fiel aber nach einiger Zeit schließlich gelang. „Legen Sie sich bloß wieder hin“, schnauzte mich die Schwester an. „Der Arzt kommt gleich zur Visite“. Ich bemerkte meine eingegipsten Arme und die Schiene um mein rechtes Bein. „Außerdem können Sie sowieso nicht weglaufen!“

Das musste wieder einer dieser Alpträume sein, dachte ich. Doch wo war Gandalf? Gestern war er doch noch da. Die Krankenschwester verließ den Raum und ich starrte zunächst auf ihr übergroßes, kraterförmiges Hinterteil und dann auf die geschlossene Tür. Lange. Sehr lange. Drei Stunden, grob geschätzt. Dann erschien der Arzt.

Er: Guten Morgen, Herr Pfitzer, schön Sie bei Bewusstsein zu sehen.
Ich: Gandalf?
Er: Gandalf? Wenn Sie fernsehen möchten, Herr Pfitzer, kostet das 15 Euro pro Tag extra.
Ich: Wann kann ich hier raus?
Er: Oh, was das angeht, habe ich gute Neuigkeiten für Sie. Schon Übermorgen werden Sie entlassen.
Ich: Erst Übermorgen?
Er: Ja, und es ist nicht so, dass ich Sie aus medizinischen Gründen entlasse. Ehrlich gesagt: Wir brauchen Ihr Bett.
Ich: Sie können es jetzt schon wieder haben.
Er: Ein wenig müssen wir schon noch beobachten. Ein gebrochenes Bein, zwei gebrochene Arme und eine verstauchte Schulter, kann man nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Verstehen Sie den Wortwitz?
Ich: Nein, der interessiert mich auch reichlich wenig. Sie haben gerade gesagt, ich sei total verkrüppelt und komme erst in zwei Tagen hier raus! Hilfe!
Er: Schreien Sie ruhig, Herr Pfitzer. Ihre beiden Zimmergenossen hören ohnehin nichts mehr. Nicht wahr, Herr Bogner? Herr Bogner? Oh, kann da mal kommen, ich glaube, wir haben einen medizinischen Notfall.
Ich: Ja, aber nicht den krepierenden Opi da, sondern mich. Spritzen mich fit, geben Sie mir Drogen. Hauptsache ich komme hier raus.
Er: Sehen Sie, Herr Pfitzer. Sie sind Kassenpatient, am besten wäre es, sie wären gar nicht hier. Aber ein Mindestmaß an Behandlung ist leider gesetzlich vorgeschrieben.
Ich: Sie sind doch hier der Chefarzt, oder?
Er: Ich? Ich bin Assistenzarzt.
Ich: Bitte?
Er. Was denken Sie denn?
Ich: Ich dachte bislang, die Gesundheitsreform kommt erst noch. Aber offensichtlich habe ich mich getäuscht.
Er: Ich bin schon über der Zeit, wir sehen uns dann morgen.
Ich: Könnte ich etwas zu lesen bekommen?
Er: Sicher. Holen Sie es sich einfach unten am Kiosk. Ha, den haben Sie aber verstanden, oder?
Ich: Und was mache ich wenn der Opa abkratzt?
Er: Rufen Sie einfach mit dem Notrufknopf die Schwester. Aber denken Sie daran: Missbrauch kostet 50 Euro.

Dienstag, 6. Juli 2010

Tag 361

Als ich wach wurde, fand ich mich in einem Krankenhausbett wieder. Auf dem Tisch standen frische Blumen und der warme Sommerwind blies durch die gekippten Fenster. Es klopfte an der Tür und eine bildhübsche, blonde Krankenschwester trat ein. „Wie geht es Ihnen denn heute, Herr Pfitzer?“ fragte sie, während sie mir ein leckeres Frühstück und ein Glas Sekt auf den Nachttisch stellte. „Scheiße“, antwortete ich. „Sie haben lange geschlafen“, ließ sie mich wissen. „Wenn es irgendetwas gibt, was ich für Sie tun kann, müssen Sie es nur sagen. Der Chefarzt schaut gleich nach Ihnen“. Ich blickte ihrem perfekten Hintern lange hinterher, auch als die Tür längst wieder geschlossen war.
Kurze Zeit später kam der Chefarzt. Außer einem weißen Kittel zierte ihn eine lange, weiße Mähne.

Er: Es freut mich dich zu sehen, Christian.
Ich: Gandalf?
Er: Ich bin gekommen um dir zu gratulieren.
Ich: Wozu?
Er: Zu deiner erfolgreichen Mission. Die letzte Prüfung…
Ich: Ich habe sie bestanden?
Er: Natürlich hast du das. Du bist schließlich der Auserwählte.
Ich: Wieso jetzt doch?
Er: Nun, dir ist doch klar, dass das alles deine ganz persönliche Mission war. Wer außer dir hätte der Auserwählte sein können? Du hast richtig erfasst: Es ist dein Unterbewusstsein. Und du selbst kannst darüber entscheiden, was mit ihm geschieht. Und du hast die Arbeitsagentur besiegt und deine eigenen Dämonen.
Ich: Und was wird aus euch Fernsehgestalten?
Er: Wir gehen zurück ins den Fernseher. Christian, ich weiß, welchen Entschluss du gefasst hast.
Ich: Ja?
Er: Ja. Du willst wieder arbeiten. Nichts war wichtiger, als dich aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Du hast den größten Schritt auf diesem Weg gemacht, weil du dich bereits für die Arbeit entschieden hast.
Ich: Aber was soll ich machen? Keiner will mich! Meine Bewerbungen waren erfolglos.
Er: Nun, ich habe gehört ein kleiner Elektrotechnikbetrieb hat gerade Insolvenz angemeldet. Vielleicht könntest du das Geschäft übernehmen.
Ich: Ob es das ist?
Er: Alles wird gut, Christian. Du machst deinen Weg. Auch ohne Arbeitslosigkeit und Unterschichtenfernsehen.

Montag, 5. Juli 2010

Tag 360

Mein Penis brannte mehr als mein Rachen, aber jede gute Party muss ein Ende haben. Die Argentinierin hat sich mehrfach bedankt, mir kam das spanisch vor, aber es lag weniger an meiner sexuellen Leistungsfähigkeit, als daran, dass ich als einziger ihre Körperöffnungen nicht mit einem Fußballtor verwechselt habe und den Torschrei auch beim Anblick ihrer Lippen nicht auf meinen hatte. Peter fühlte sich heute Morgen wie kurz nach dem Mauerfall, in einer anderen Welt, die ihn hoffnungslos überforderte. Dass jemand so viel Geld für ein altes Tittenheft hinblättert, konnte er nicht glauben. Und ich auch nicht.

Beim Frühstück saßen wir wieder bei harten Brötchen und billigem Korn zusammen. „Und Peter, was machst du nun mit deinem Anteil?“ fragte ich ihn. Schon wieder war sie da, die ostdeutsche Orientierungslosigkeit. „Ich weiß es nicht“, antwortete er zögerlich und nippte dabei an seinem Pinnchen. Ich blickte Pensionschefin Petra an, zurück zu Peter und dann wieder Petra. Dann war es mir klar: Petra und Peter. Mit meinem Vermittlerinstikt gelang es mir schnell, beide an einen Tisch und später auch in ein Bett zu bekommen. Vorher verabschiedete ich mich von Peter, zahlte ihm 8000 Euro, also seinen Anteil abzüglich der Nuttenkosten und der GEZ-Nachzahlung und wünschte ihm ein schönes Leben. Wir waren quitt und irgendwie ist er mir auch in den letzten Tagen ans Herz gewachsen.

Nachdem ich „Petras Wohlfühlpension“ verlassen hatte, startete ich direkt durch zur Sparkasse. Der stellvertretende Filialleiter staunte nicht schlecht, als er mich wiedersah. Noch dazu mit einem so hohen Geldbetrag, den ich in bar einzahlen wollte. Er war zwar skeptisch, informierte aber nicht die Polizei. Warum auch, der Überfall war schließlich gescheitert und eine Beute existierte nicht.

Danach bewunderte ich einige Stunden den Kontostand auf meinem Kontoauszug, fuhr schnell zum Stadtwerke-Kundencenter und beglich auch dort meine Schuld. Fehlte nur noch einer, Herr Wilhelm. Sicherlich, mit meinem Vermögen könnte ich glatt in eine bessere Gegend zu ziehen. Aber ich hatte beschlossen, wieder sesshaft zu werden. Ein fester Wohnsitz und ein geregelter Mieteingang sind da gute Voraussetzungen für einen Neuanfang.

Leider wartete Wilhelm jr. immer noch im Treppenhaus. Da ich einer direkten Konfrontation aus dem Weg gehen wollte, kletterte ich auf das Baugerüst, zurück auf den Balkon und… rutschte ab. Ich segelte drei Meter in die Tiefe und wurde dabei nur von einem Betonpfeiler gebremst. Ich sah noch wie sich Familie Wilhelm über mich beugte, dann gingen die Lichter aus.

Sonntag, 4. Juli 2010

Tag 359

Die argentinische Prostituierte aus dem Nachbarzimmer musste sehr zu unserem und ihrem Leidwesen Sonderschichten schieben. Selbst als Professionelle, die schon alles gesehen, gehört und gespührt hat, dürfte es peinlich und erniedrigend zu gleich sein, wenn die Freier beim Orgasmus „Tor, Tor, Tor“ brüllen. Ich fand das Geschreie schon von Weitem aus unerträglich.

Peter war davon überzeugt, sich der Polizei stellen zu müssen. „Ich will Sie nicht länger da mit hinein ziehen“, meinte er. „Gehen Sie ruhig nach Hause“. Unabhängig davon, dass ich keine Zuhause mehr habe, fragte ich zurück: „Und was wird aus Ihnen?“. „Nun“, antwortete er „Ich habe doch gestern schon in der Fußgängerzone geübt. Besser sie kriegen mich wegen dem Überfall, im Gefängnis ist die Grundversorgung wenigstens sichergestellt“.

Wieder war es Mitleid, das mich erfasste, als ich das Schuldnerberaterdouble ansah. Ich könnte ihn wirklich bei meinen Eltern im Dachboden lagern, dachte ich. Die Enttäuschung über das Schließfach war mir immer noch ins Gesicht geschrieben. Doch ich hatte meinen Vater vor dem Knast bewahrt, also würde mir das beim GEZ-Schnüffler auch gelingen. Was blieb mir auch anderes übrig?

Frühstück war bei unseren Übernachtungen inklusive. Ich schätze, die Pensionschefin, eine ältere Dame, die vermutlich auch im Gewerbe tätig war oder noch ist, hielt Peter und mich für ein Homopärchen bzw. mich für Peters Freier. Mir war`s egal. Ich forderte zusätzlich zum knüppelharten Brötchen mit alter Marmelade noch ein Herrengedeck. Kurze Zeit später brachte sie mir ein Pils und einen Schnaps, doch das reichte mir nicht: „Gute Frau, ich meinte natürlich ein „Willy-Herren-Gedeck“. Also mindestens das Dreifache.“
„Du gefällst mir“, sagte eine einsame Stimme am Nachbartisch. Es war der Zuhälter der argentinischen Nutte. Er hatte zwar Ähnlichkeit mit Diego Maradona, weil er sich auch einen weißen Saddam-Hussein-Bart stehen ließ, war aber reinrassig deutsch und einfach nur vom Leben gezeichnet. „Na, los. Kommt rüber. Seid nicht schüchtern“. Einen Moment überlegte ich und fürchtete mich vor einem homoerotischen Dreier, bei dem ich für Geld sogar mitgemacht hätte. „Ihr seid doch keine Schwuchteln, oder? Der da sieht ja schon so aus, aber du? Was führt euch in dieses wunderschöne Etablissement? Interesse an ein paar heißen Latinas?“ fragte der Zuhälter. „Immer doch“, erwiderte ich. „Allerdings sind wir finanziell nicht so gut aufgestellt.“ „Wirtschaftskrise, was? Meine Geschäfte liefen auch mal besser.“ Er nippte an seinem Whiskeyglas. „Was kannst du denn anbieten?“, fragte er. „Ehrlich gesagt“, antwortete ich „Habe ich nur eine Flasche Apfelkorn und ein Pornoheft.“ Er lachte. Ich weiß gar nicht, was an meiner Armut witzig sein soll. Aber Hauptsache andere können sich darüber amüsieren.

„Für den Apfelkorn kann ich dir zwei Minuten Blowjob geben. Aber von meiner hässlichsten Stute. Aber für das Pornoheft bekommst du nichts, es sei denn es ist die Hustler Erstausgabe von 1974, aber die ist es wohl nicht.“ Ich spuckte den Schnaps halb über den Tisch, nicht unbedingt wegen der Aussage, sondern vielmehr wegen des Geschmacks. Trotzdem: Der Gedanke war genial. Es ging nie um die Geldkassette. Das Pornoheft ist der Schatz gewesen. „Wenn es diese Ausgabe wäre, wie viel ist sie dann wert?“, fragte ich den Zuhälter interessiert. „15, vielleicht 20“, meinte er. „Für zwanzig Euro gibt es eine Menge Tiefkühlbaguettes“, dachte ich laut als ich in das alte Brötchen biss. „20000 Euro“, korrigierte er mich. Mir blieb das Brötchen im Hals stecken.

Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf, schnappte mir Peter und fuhr mit ihm zum Bahnhof. Die Bahnhofshalle betrat ich jedoch alleine. Als ehemaliger Stasti- und anschließender Rundfunkspitzel kannte Peter die Kunst der Tarnung und so ließ ich ihn getrost in einem Gebüsch zurück. Ein Obdachloser verrichtete gerade sein Geschäft an der Schließfachwand, als ich meinen Schlüssel ins Schloss gleiten ließ. Ich schenkte ihm den Apfelkorn, er bedankte sich, indem er mir ausversehen auf die Schuhe pinkelte und ich entnahm das Pornoheft. Tatsächlich. Die Erstausgabe des Hustlers. In einem top Zustand, keine verklebten Seiten oder Flecke. Mit dem Tittenheft unterm Arm schnappte ich mir Peter und fuhr zurück in die Pension.

Ein Freier tobte gerade, als in Pensionschefin Petra hinaus warf. Der Zuhälter saß immer noch am Tisch und kippte Korn. „Das gibt es doch gar nicht. Wie hast du die denn so schnell aufgetrieben?“ fragte er ungläubig, als ich ihm das Pornomagazin unter die Nase hielt. Er hätte fast auf das Blatt gesabbert, so sehr freute er sich darüber. Kalle, das war sein Name, war leidenschaftlicher Pornoheftchensammler. Eigentlich würden seine Frauen nur für diese Sammelleidenschaft anschaffen gehen, erklärte er. Am frühen Abend trieb er 20000 Euro auf. Ich fühlte mich übers Ohr gehauen, aber beim Anblick von soviel Geld wurde ich schwach. Außerdem gab es die Argentinierin dazu.

Jetzt habe ich Peter mit ihr alleine gelassen. Es ist nur fair, wenn wir den Betrag teilen. So können wir beide einen Neuanfang starten. Heute Nacht wird auf jeden Fall noch ausgiebig in der Pension gefeiert. Kalle ist in Spendierlaune und das muss ich ausnutzen.

Samstag, 3. Juli 2010

Tag 358

In der Pension stank es schon morgens übel, als die Sonne durch die dreckigen Fenster hinein auf mein Gesicht schien. Der GEZ-Peter schlief noch und für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ob ich mich nicht heimlich, still und leise davon stehlen sollte. Ich hatte diesem Mann keinerlei moralische Verpflichtung gegenüber, umgekehrt, er war mir noch etwas schuldig. Aber genau diese Schuld wollte er begleichen – und ich meine Mietschuld. Deshalb waren wir überhaupt hier.
Sicherlich, es hätte einen Anflug von Gerechtigkeit gehabt, wenn ich den Gebührenspitzel einfach den Justizbehörden übergeben hätte. Ein Mann, der Menschen dazu genötigt hat, Eva Herman fürs Vorlesen der Nachrichten zu bezahlen, gehört bestraft. Doch ich bin kein Richter. Und ohne seine Bemühungen, ja auch ohne die 200 Euro Provision, die ich selbst finanziert hatte, wären die bisherigen WM-Spiele nur halb so schön gewesen und mein Leben noch ein stückweit mehr im Arsch.

So kam ich mir vor wie Brad Pitt in Thelma und Louise, nur ohne Thelma und auch ohne Louise. Mein neuer „Partner in Crime“ sah nach dem Aufstehen dafür mindestens so alt aus wie Susan Sarandon. „Wird Zeit das wir diese billige Absteige verlassen“, sagte ich, in einer Tonlage wie die Synchronstimme von Bud Spencer. Von draußen war ein entferntes Martinshorn zu hören. „Und wo sollen wir hin?“ fragte Peter. Ich suchte nach der Minibar und fand keine. Es war genau eine dieser Herbergen, in die man von einem geizigen Edgar Schellack bei einer längeren, auswärtigen Montage geschickt wird. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, hielt ich fest. „Entweder wir ziehen beide zu meinen Eltern, lassen uns dann 24/7 Filmen und verkaufen die Fernsehübertragungsrechte weltweit. Oder aber, wir finden heraus, wozu dieser Schlüssel gehört.“ Ich blickte konzentriert auf das kleine, silberne Stück Wertarbeit. „Nun, glauben Sie die Rechte kauft jemand?“, fragte das Schuldnerberaterdouble. Ich konnte meine Augen nicht von dem Schlüssel lassen. „Was soll es“, sagte ich schließlich. „Ziehen wir halt beide zu meinen Eltern. Ich schlage vor, Sie nehmen den Dachboden und ich den Keller, dort ist es kühler.“ Peter zwegaterte rum, das heißt, er wollte etwas sagen, konnte sich aber nicht für die richtigen Worte entscheiden: „Ich glaube… es könnte sein… vielleicht… also ich denke, ich kenne diesen Schlüssel“, entwich im schließlich. Ich horchte auf. „Als es damals das Begrüßungsgeld gab, da hab ich auch ein Schließfach angemietet. Mein Schlüssel sah genauso aus“, sagte er weiter. Ich fragte nach: „Wo? Wo war das Schließfach?“ „Am Bahnhof“, antwortete er. „An der Unterführung, wo die Obdachlosen immer…“ Ich wusste, welchen Ort er meinte.

Nichts wäre auffälliger gewesen, als wenn ich mich mit dem GEZ-Mann am helllichten Tage hätte am Hauptbahnhof sehen lassen. Es musste eine Tarnung her. Zunächst kleidete ich Peter in meiner Kleidung und setze ihn in der Fußgängerzone aus. Von dem wenigen Kleingeld, was er in der kurzen Zeit einspielte, kaufte ich Deutschlandfanartikel und Vuvuzelas. So konnten wir uns unerkannt unters Volk mischen. Ich hätte natürlich auch die unsägliche Menschendeko aus meiner Wohnung holen können, doch das Risiko war mir zu hoch. Ohne Geld wollte ich nicht zurück ins Wilhelmsche Horrorhaus.

Als Fußballfans getarnt betraten wir schließlich die Bahnhofshalle. Die Bundespolizei war auch schon da und lief auf den Bahnsteigen Streife. Viel Zeit würde nicht bleiben und so schickte ich mich an, die Schließfächer zu erreichen. Peter war noch nervöser als bei seinem missglückten Banküberfall. Es roch penetrant nach Urin der Obdachlosen, ich steckte den Schlüssel in das Fach mit der Nummer 127 und… er passte. Einen kurzen Moment hielt ich inne, schaute mich um und sicherte mich nach allen Seiten ab, dass uns niemand beobachtete. Im Fach selbst befand sich eine Flasche Apfelkorn, tatsächlich ein weiteres Pornoheft aus den 1970er Jahren und eine schwere Geldkassette.

Es war gar nicht so leicht diese unbemerkt aus der Bahnhofshalle zu transportieren. Überall sah man angetrunkene Fußballidioten und so stimmte ich ein Lied an und versuchte mit Peter an der Hand durch die Unterführung zu entkommen. Kurz liefen wir durch einen verlassenen Tunnel, bis am anderen Ende wieder Licht erschien. Doch weit kamen wir nicht.

„Was sind das denn für Opfer?“, fragte ein schwarzhaariges Migrantenkind ein anderes. „Keine Ahnung, Alter, Kartoffelspastis, Vater und Sohn haben sich verlaufen“.
„Voll der Bastard man, der sieht ja aus wie der Schuldentyp aus dem Fernsehen“, ein Dritter. Ich versuchte die Jugendlichen zu zählen, doch sie vermehrten sich wie die Fliegen. Ich wusste schon, warum niemand außer den Obdachlosen die Unterführung benutzt. Weil man auf der anderen Seite direkt in einem sozialen Brennpunkt landet.
„Hey, Jungs, na, wie geht`s? Wie läufts in der Hood? Schaut ihr auch gleich das Spiel?“, fragte ich die Gruppe. „Wir schauen gleich ein ganz anderes Spiel, man. Türkei gegen Deutschland, Alda.“, meldete sich der Wortführer. Ich korrigierte ihn: „Die Türkei spielt bei der WM doch gar nicht mit“. Er korrigierte mich mit einem Schlag ins Gesicht: „Wer hier mitspielt und wer nicht, entscheide ich man, ist das klar? Also, was macht ihr hier?“ fragte er. „Ihr habt das schon richtig erkannt. Ich und mein Vater, der gute Peter hier, wir haben uns verlaufen. Und wir gehen jetzt einfach wieder zurück.“ „Nichts da. Was ist in dem Ding da?“, fragte der Älteste der Randgruppe, der mit seinem umgewickelten Bandana aussah wie seine eigene Karikatur. „Keine Ahnung“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Verpisst euch. Wir nehmen das Ding“, sagte der Wortführer wieder. „Tut mir leid. Aber das Ding kommt mit uns“, konterte ich bestimmt.

Ein paar Schläge, Fußtritte und Minuten später kam ich wieder zu mir. Peter hatten sie noch übler zugerichtet. Die Geldkassette war weg und die Schläger auch. Wir waren am Arsch. „Sie sehen ja aus wie ein gerupftes Huhn“, stellte Peter fest. So fühlte ich mich. Doch was sollte ich machen? Die Polizei einschalten? Unmöglich. Und wenn der Inhalt der Geldkassette doch wertlos ist? Ich wollte gerade eine Zigarette anstecken und stellte dabei fest, dass die Jugendlichen mir auch meine Rauchwaren geklaut hatten, als ich mein Handy in der Hosentasche fand. Wahrscheinlich war ihnen das Modell schon zu alt, um es mitzunehmen. Ich erinnerte mich an den „Hustler“ vom Pfandautomat, fand auch auf Anhieb seine Nummer im Handy und rief ihn an. Schnell war Mesut, wie er eigentlich hieß, zur Stelle, passenderweise im Özil-Trikot. „Was los? Du hast Probleme hier gehabt? Man, dich haben ja sie ja krass erwischt, man. Das kommt davon, wenn man arbeitslos ist und auf der Straße rumhängt. Ich hab dir doch gesagt: Du musst hustlen, man.“ Ich fragte ihn nach den Schlägern und schnell stellte sich heraus, dass er jemanden kennt, der jemanden kennt, der die Schläger kennt. Oder zumindest einen von ihnen. Und so klopfte ich am späten Nachmittag an eine Plattbautür.

Er: Wer is da?
Ich: Pfitzer heiße ich. Ich komme wegen Özgür, ist der da.
Er: Özgür nix da.
Ich: Es geht um eine Geldkassette, die ihr Sohn gestohlen hat.
Er: Wer is da? Polizei?
Ich: Ja, hier ist die Polizei. Wo ist ihr Sohn, Herr… ehm… Öztürk? Özgür Öztürk? Na ach, egal. Also, wo ist er?
Er: Ich weiß nix.
Ich: Haben Sie was dagegen wenn ich mich mal umschaue?
Er: Ich nichts haben.
Ich: Dann machen Sie doch mal die Tür auf.
Er: Tür zu.
Ich: Nein, Tür auf!
Er: Tür zu, auf.
Ich: Tür auf, nicht zu.
Er: Nix Polizei.
Ich: Doch Polizei. Ich will jetzt rein.

Ich kam mir vor, wie Herr Wilhelm jr. Peter und Mesut, die neben mir standen konnten den Dialog genauso wenig nachvollziehen wie ich. Peter fühlte sich in dieser Gegend sehr, sehr unwohl. Wie es der Zufall wollte, kam just in dem Moment die Jugendgang um die Ecke, in dem wir unverrichteter Dinge wieder abziehen wollten. „Ey Lan“, rief Mesut. „Alter Özgür, bleib stehen, man. Ich wusste, dass du und deine Jungs das wart, man. Gib dem Jungen die Kassette man, er ist korrekt und außerdem ein Kunde von mir, ja?“. Özgür und seine Bande schienen Respekt zu haben. Immerhin, Mesut ist 17 und damit im Durchschnitt drei Jahre älter als die Gang. Ich kam mir vor wie ein Statist. Aber zwanzig Vierzehnjährige können brutaler sein als vierzehn Zwanzigjährige. „Alter, das nächste Mal, wenn ich wegen dir Deutschlandspiel verpasse, sag ich`s deinem Bruder, ist das klar, man?“, fragte Mesut drohend. Die Gang hinterließ uns die Geldkassette und entschuldigte sich vielmals für die Unannehmlichkeiten. Man gab mir die Zigaretten wieder und wünschte noch viel Erfolg beim Spiel.

Doch wie sollte ich das Teil öffnen, wenn schon zwanzig Unterschichtenkinder mit Migrationshintergrund das nicht zu Stande bringen? Ich warf sie nach einem Geistesblitz einfach vom Plattenbau, während Peter unten wartete. Tatsächlich, die Kassette zersprang. Ich musste mich beeilen, denn es würde nicht lange dauern, bis neue Sozialschwache auftauchen würden, um uns unserer Beute zu berauben. „Was ist drin, Peter, was ist drin?“ fragte ich aufgeregt. „Ein Brief. Ich lese vor: Li.. was soll das heißen? Ach, lieber Helmut. Lieber Helmut, Es fräut mich das du das Schlissfach gefunden hast. Es ist ales drhin, wi gesprohen.“ Eine Flasche Apfelkorn und ein Pornoheft. Vielleicht war es nur ein Carepaket nach dem Justizvollzug. „Das ist alles?“ fragte ich mich selbst enttäuscht. Alle Bemühungen um sonst.

Ich setze den Rundfunkschnüffler noch zwei Stunden in die Fußgängerzone und kaufte mit ihm gemeinsam Bier, was wir genüsslich noch auf dem Parkplatz des Discountermarktes tranken. Was für ein beschissener Tag.

Freitag, 2. Juli 2010

Tag 357

Er: Machen Sie die Tür auf, Pfitzer!
Ich: Kann man nicht einmal mehr seine Morgentoilette verrichten, ohne dass Sie hier diesen Krawall veranstalten?
Er: Ich hab Sie gewarnt, Pfitzer.
Ich: Hören Sie, ich habe doch erklärt, dass es mit dem Geld noch etwas dauert. Wir sind auf einem guten Weg, finden Sie nicht auch?
Er: Pfitzer, mir ist es egal, ob Sie dort gerade scheißen oder nicht. Ich hole Sie da raus.
Ich: Einen Moment noch… ich spreche gleich wieder mit Ihnen... hey, haben Sie die Sicherung raus gedreht?
Er: Nein.
Ich: Wie denn auch, Sie stehen ja schließlich vor der Tür. Verdammte Scheiße.

Ohne Strom war ich in meinem fensterlosen Badezimmer aufgeschmissen. Ich wischte mir blind den Arsch ab und diskutierte dann weiter mit Wilhelm jr. aus dem Treppenhaus, während ich noch in Boxershorts in meinem Flur stand und der unfrische Duft aus dem WC herüber wehte, da auch die Badlüftung nicht mehr lief.

Er: Da hat wohl jemand seine Stromrechnung nicht bezahlt. Jetzt müssen sie rauskommen.
Ich: Gar nichts muss ich.
Er: Um 14 Uhr kommen die Nachmieter. Die würden sich gerne die Wohnung anschauen. Von innen.
Ich: Ihr Vater bekommt schon sein Geld. Wie soll ich es denn besorgen, wenn Sie hier Spalier stehen?
Er: Oh ja, Sie besorgen das Geld. Pfitzer, das haben Sie gestern schon erzählt. Auf Ihr Geld kann man lange warten.

Unrecht hatte er nicht. Ich hatte keinerlei Ahnung, woher ich das Geld nehmen sollte, dass ich Familie Wilhelm schuldig war. Meine Investition in die deutsche Nationalmannschaft war fehlgeschlagen und die doppelten Sozialleistungen reichten gerade, um mein Konto endlich mal aus den Tiefen des Dispokredites zu führen. Als ich so nachdachte und Wilhelm es mir mit den potentiellen Nachmietern, die pünktlich um 14 Uhr um Einlass baten, schwer machte, einen klaren Gedanken zu fassen, blickte ich zufällig auf den Schließfachschlüssel. Wahrscheinlich werde ich diesem Schließfach nichts finden. Allerhöchstens Pornohefte. Aber es ist die einzige Chance.
Erneut kletterte ich über Balkon und Baugerüst auf die Straße und schwang meinen Hintern in den Bus. Glücklicherweise fand sich hinter einem Sparkassenschalter noch arbeitendes Personal.

Er: Entschuldigung, wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich bin hier wegen eines Schließfaches.
Er: Ich kenne Sie doch. Sind Sie nicht… Mustermann?
Ich: Pfitzer heiße ich. Christian Pfitzer. Ich habe hier einen Schlüssel, sehen Sie?
Er: Ich könnte schwören, Sie sind der Mustermann.
Ich: Schließfachnummer 127.
Er: Sie haben doch Hausverbot, Herr Mustermann.
Ich: Hier mein Ausweis. Christian Pfitzer, sehen Sie? Und hier, das ist der Schlüssel.
Er: Oh, das tut mir leid. Dann habe ich Sie tatsächlich verwechselt. Was den Schlüssel angeht, da kann ich Ihnen nicht helfen.
Ich: Warum nicht?
Er: Nun, er ist nicht von uns.

„Hände hoch! Überfall!“ Auch das noch. Ein maskierter Mann mit gebücktem Gang trat an den Schalter. „Vollmachen, los vollmachen!“ Er übergab dem Sparkassenmitarbeiter einen Jutebeutel von der Apotheke. „Und keene Tricks!“
„Die Softairpistole ist doch gar nicht entsichert“, stellte ich fest. „Pfitzer? Was machen Sie denn hier?“, fragte der mutmaßliche Gangster leise. „Sie sollten nicht hier sein.“ Jetzt erkannte ich ihn erst unter der Perücke und dem falschem Bart. Er sah um Jahre jünger aus. Der GEZ-Ermittler war offensichtlich so weit runtergebrannt, dass er es nötiger hatte als ich. „Ich will Geld. Also das Gleiche wie sie“, antwortete ich.
Mit jeder Sekunde wurde der ehemalige Gebühreneintreiber nervöser. Der Sparkassenmitarbeiter blieb gelassen und packte seelenruhig das Geld ein. „Schneller jetzt!“ rief der GEZ-Mann. Ein schriller Ton heulte auf, der Mitarbeiter hatte den Alarm ausgelöst. In Panik griff der Ermittler nach dem Jutebeutel. Fälschlicherweise erwischte er mich und zog mich an seine Brust. „Ich habe eine Geisel!“ schrie er. „Und ich werde jetzt gehen!“

Ich: Wo haben Sie denn den Fluchtwagen?
Er: Verkauft. Habe ich doch erzählt.
Ich: Sie überfallen eine Bank ohne Fluchtwagen?
Er: Wenn die Busse pünktlich kommen würden und sich der Kassierer nicht soviel Zeit gelassen hätte, dann gebe es jetzt kein Problem.
Ich: Da ich mir gerade meine Jeans am Stacheldraht eines Kleingartenzauns aufgerissen habe, gibt es schon ein Problem.
Er: Vergessen Sie nicht, Sie sind meine Geisel.
Ich: Ach ja. Und was ist, wenn ich nicht mit Ihnen flüchte? Erschießen Sie mich dann?
Er: Herr Pfitzer, ich habe das für Sie getan. Es tut mir wirklich leid, was ich mit Ihnen gemacht habe. Und da ich Ihnen bisher nur 200 Euro geben konnte, plagt mich mein schlechtes Gewissen.
Ich: Man, warum haben Sie nicht einfach Fußballspiele manipuliert? Das hätte bestimmt besser geklappt.
Er: Wollen Sie mir jetzt erzählen, wie man Geld macht? Sie haben doch wohl offensichtlich auch nichts.
Ich: Einen Schlüssel habe ich. Einen Schließfachschlüssel. Nur kenne ich das passende Schließfach nicht.
Er: Und den Inhalt?
Ich: Auch nicht.
Er: Na, wenn das alles ist, was Sie haben, hoffe ich, Sie können Fußballspiele manipulieren.
Ich: Nun, ich kenne da ein Sportcafé. Aber ohne Startkapital – keine Chance.
Er: Was machen wir denn jetzt?
Ich: Was Sie machen, ist mir egal. Ich werde jetzt nach Hause gehen.
Er: Aber Herr Pfitzer, da wartet sicher schon die Polizei.
Ich: Umso besser, dann können die gleich meinen Vermietersohn einsammeln.
Er: Aber die werden mich einsammeln wollen. Herr Pfitzer, ich bitte Sie, helfen Sie mir.

Es war Mitleid. Ich konnte den abgewrackten, alten Mann einfach nicht alleine in der Kleingartensiedlung stehen lassen. Von meinem letzten Geld aßen wir ein paar Cheeseburger in einem Fast-Food-Restaurant und mieteten uns für eine Nacht in einer Pension ein. Hier gibt es wenigstens Strom. Und wenn jemand auf dem Flur steht, kann ich beruhigt sein, denn ist es nur der Zuhälter von der Nutte aus dem Nachbarzimmer.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Tag 356

Er: Machen Sie die Tür auf!
Ich: Nein.
Er: Herr Pfitzer, machen Sie es nicht noch schlimmer.
Ich: Ich werde diese Wohnung nicht verlassen.
Er: Und ob Sie das tun werden. Ihre Zeit ist um. Sie hatten Zeit genug, Ihre sieben Sachen zu packen.
Ich: Lassen Sie mich meine Schulden begleichen und hier bleiben. Ich bin seit heute Hartz IV-Empfänger.
Er: Das ist ja noch schlimmer.
Ich: Ist es nicht. Ich habe einen doppelten Geldeingang zu verzeichnen. Ich kann meine Miete direkt zahlen. Und wenn Sie mich zur Arbeitsagentur lassen, sorge ich noch heute dafür, dass die Mietzahlungen künftig direkt von Amtswegen aus auf dem Konto Ihres Vaters landen.
Er: Keine Chance, Pfitzer. Ich traue Ihnen nicht. Und meine Eltern tun es auch nicht.
Ich: Aber Sie werden doch wohl noch dem deutschen Staat und seiner Liquidität trauen.
Er: In den heutigen Zeiten? Das ich nicht lache, Herr Pfitzer, das ich nicht lache. Machen Sie jetzt die Tür auf!
Ich: Ohne Räumungsklage gehe ich nirgendwo hin.
Er: Warten Sie es ab und wenn ich eigenhändig die Tür einschlage.
Ich: Damit ruinieren Sie doch nur das Eigentum Ihres Vaters.
Er: Da haben Sie Recht. Dann warte ich eben vor der Tür. Solange, bis Sie rauskommen. Und dann sind Sie das letzte Mal aus dieser Tür gekommen, haben wir uns verstanden?
Ich: Denken Sie doch mal nach, Herr Wilhelm. Wenn ich jetzt ausziehe, zahle ich meine Schulden nie. Wenn ich meine Schulden zahle und bleibe, haben Sie bzw. Ihre Eltern doch viel mehr davon.
Er: Wo wollen Sie das Geld denn hernehmen?
Ich: Ich habe einen Plan.
Er: Ich auch. Ich rufe jetzt meinen Anwalt an. Und wenn wir Sie mit der Polizei rausholen, glauben Sie mir, wir holen Sie raus.

Ich beobachtete Herrn Wilhelm jr. lange durch den Türspion. Er entfernte sich keinen Moment von meiner Wohnungstür, sondern blieb wie erstarrt im Treppenhaus wartend stehen. Ich war mir sicher, er würde die ganze Nacht da verbringen.
Schnell verkaufte ich zwei Bier an die Fassadenmaler, kletterte von meinem Balkon auf das Baugerüst und von dort aus runter auf die Straße. Von dem Erlös bezahlte ich das Busgeld und fuhr in Windeseile zur Arbeitsagentur.

Als ich in Herrn Cartiers Büro Eintritt wurde ich von einer burschikosen Dame zurückgepfiffen.

Sie: Haben Sie einen Termin?
Ich: Nein, aber eine Goldkarte. Wo ist Herr Cartier? Er kennt mich.
Sie: Herr Cartier arbeitet nicht mehr hier. Ich habe nun die Leitung des Jobcenters übernommen. Und Sie haben sicher keine „Goldkarte“.
Ich: Warum arbeitet er nicht mehr hier?
Sie: Oh, er hat sich versetzen lassen. In die Zentrale nach Nürnberg. Korruptionsabteilung.
Ich: Oha.
Sie: Wenn Sie dann bitte einfach eine Nummer ziehen würden, ich habe zu tun.
Ich: Ich brauche nur eine Bestätigung von Ihnen, dass sie fortan meine Mietzahlung übernehmen.
Sie: Wie gesagt: Ziehen Sie bitte draußen eine Nummer.
Ich: Es ist dringend.
Sie: Das interessiert mich nicht. Sie haben zu warten, wie jeder andere hier auch.
Ich: Hören Sie, Frau…
Sie: Michailovic.
Ich: Michailovic? Es geht um Leben und Tod. Mein Leben und meinen Tod. Sie müssen das jetzt schnell erledigen.
Sie: Raus jetzt oder ich rufe den Sicherheitsdienst.

Im Wartebereich traf ich einen alten Bekannten.

Ich: Hallöchen Eddy, was machst du denn hier?
Er: Was? Ach, du faules Schwein, na, kein Wunder, dass ich dich hier treffe.
Ich: Das ich hier bin, versteht sich von selbst. Aber was macht ein Edgar Schellack denn im ALG 2-Wartebereich?
Er: Na, was schon, du Penner. Warten.
Ich: Was ist mit der Firma Schellack Elektrotechnik passiert?
Er: Was soll schon passiert sein. Ich bin insolvent. Dreimal darfst du raten, wem ich das zu verdanken habe.
Ich: Na, mir sicher nicht. Schließlich bin ich ja schon seit einem Jahr nicht mehr dabei.
Er: Nach der Weihnachtsfeier war die Stimmung bei der Belegschaft entsprechend schlecht. Dann die Wirtschaftsflaute. Ach, was erzähl ich dir das eigentlich.
Ich: Und jetzt gibt es die Extraportion Hartz IV, weil vorher an der Arbeitslosenversicherung gespart wurde.
Er: Für euch habe ich sie ja gezahlt. Ich dachte, mir passiert nichts, der Betrieb wäre sicher. Und jetzt kriege ich das gleiche Geld wie du. Da sieht man, wie ungerecht dieses Land ist.
Ich: Du hast die 209, ich die 215. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.

Zweieinhalb Stunden später hatte ich den Wisch. Ich fuhr zurück nach Hause und schloß die Haustür auf. „Wer ist da?“ ertönte der jüngere Wilhelm schon von oben. Ich schlich mich wieder raus, kletterte über das Baugerüst und meinen Balkon in die Wohnung und ging zur Wohnungstür. Ich schob Wilhelm jr. die Unterlagen unter der Tür durch, doch er war nicht zufrieden. Entweder ich würde meine Restschulden zahlen oder rausfliegen.

Mittwoch, 30. Juni 2010

Tag 355

Die bisherigen Briefe von Knastbruder Jürgen an Onkel Helmut waren langweilig gewesen. Heute änderte sich das.
Es war von einem Schließfachschlüssel die Rede, den Jürgen deponiert hatte. In diesem Schließfach sei „ales drihn“. Was immer er meinte, ich könnte es herausfinden, wenn ich doch nur den Schlüssel hätte. Und da fiel es mir ein: Ich hatte einen kleinen Schlüssel zusammen mit Helmuts sonstigem Krempel in den Mülltonnen vor dem Altenheim entsorgt.

Meine Neugier war geweckt. Ich las weiter und weiter, Brief um Brief. Als sich immer mehr herauskristallisierte, dass Helmut und Jürgen zusammen ein dickes Ding durchgezogen hatten, hielt mich nichts mehr und ich fuhr zum Altenheim.

Es war die ekelhafteste Aktion, die ich in meinem Leben je durchgezogen habe. Ich denke, ein Jeder kann sich in etwa vorstellen, welche Art von Abfall sich in den grauen Tonnen eines Altenheimes verbirgt. Ich sah aus wie Kanalreiniger Mike, als ich nach gefühlten 30 Minuten den kleinen Schlüssel zwischen Windeln und Kathederbeuteln endlich gefunden hatte. Weil selbst mir so eine Fahrt im Bus zu peinlich gewesen wäre, lief ich schnurstracks zu Fuß nach Hause, während die Windelreste auf meinem Kopf langsam aber sicher schmolzen.

Mir wäre es auch lieber gewesen, man hätte mich heute zum Bundespräsidenten gewählt. Aber im Moment bin ich zufrieden, wenn ich das passende Schloss zum Schlüssel gefunden habe.

Dienstag, 29. Juni 2010

Tag 354

Ich brauche Geld. Viel Geld. In zwei Tagen soll ich meine Wohnung verlassen und habe noch immer keine Neue.

Als letzten Versuch, meine Mietschulden loszuwerden, baute ich mir heute vor dem Haus einen kleinen Stand auf, an dem ich meine Deutschlandfahnen und andere, beim Public-Viewing geklaute, Fanartikel verkaufen wollte. Allerdings stand immer noch das Baugerüst vor dem Haus und wie es der Zufall wollte, begannen die Anstricharbeiten genau dann, als ich meine Geschäfte machen wollte.

Drei gelangweilte, demotivierte Männer zwischen 30 und 40 machten sich ans Werk, um der maisgelben Fassade ein frisches Sonnengelb zu verpassen. Vollkommen unnötig und das, obwohl Herr Wilhelm sn. angeblich von mir finanziell ruiniert wird. Vermutlich wird er versuchen die Kosten noch schnell auf mich umzulegen, bevor er meine Wohnung zwangsräumen lässt.

Schnell schrieb ich meinen innerlichen Business Plan um und bot den Malern kaltes Bier statt geklauten Spiegelkondomen an. Der Gewinn reichte jedoch nur dafür, dass ich meinen eigenen Konsum finanzieren konnte. Trotzdem, so einen lockeren Balkonjob hat nicht jeder.

Montag, 28. Juni 2010

Tag 353

Es ist interessant und erschreckend zugleich, wie unterschiedlich die Definitionen von „schönem Wetter“ sein können. Die einen liegen bei 35 Grad in der Sonne oder gehen schwimmen, auf jeden Fall haben sie dabei Spaß. Der andere, also ich, sitzt zu Hause und wartet auf den Winter. Es kann einfach nicht „schön“ sein, wenn lauter übergewichtige Menschen in leichter Kleidung durch die Straßen, Parks und Einkaufszentren ziehen und dabei die Luft mit ihrem süßlich-penetranten Schweißgeruch erfüllen, der einem schon von unten aus ins Wohnzimmerfenster hineinweht. Es kann genauso wenig „schön“ sein, wenn jede Frau meint, sie müsse ihren Körper präsentieren, vollkommen egal wie viel oder wenig sie davon hat. Auch kann es nicht „schön“ sein, wenn man nach dem ersten Mittagsbier fast einen Kreislaufzusammenbruch bekommt.
Am allerunschönsten aber ist der Anruf der eigenen Mutter mit der Bitte, dass man doch bei diesem „schönen Wetter“ unbedingt wieder den Rasen mähen solle.

Ich bin ein arbeitsloses Arbeitstier, so fremdbestimmt, dass ich mich von mir selbst entfremde. Als Selbstständiger durch die Arbeitsagenturen des Landes zu tingeln und Snacks und gekühlte Getränke zu verkloppen, klingt in diesen Tagen dagegen wie ein Traumjob.

Sonntag, 27. Juni 2010

Tag 352

Ausgerechnet heute. Einerseits ist es genial, dass mein riesiger Fernseher einen riesigen Bildfehler darstellt, weil die Garantieleistung des Herstellers mir wahrscheinlich ein wunderschönes Neugerät bescheren wird, andererseits ist es natürlich dramatisch, wenn der Defekt ausgerechnet vor dem schicksalsträchtigen Spiel gegen England auftritt.
So war ich am frühen Nachmittag gezwungen, in Richtung Innenstadt zu marschieren, um das Achtelfinale auf einer Leinwand anzuschauen. Leider hatten noch viele andere Menschen die gleiche Idee – der größte Nachteil am Public Viewing. Die Vorbereitung auf den D-Day war dilettantischer als vor 65 Jahren: Die Leute versteckten sich hinter Alkohol- und Deutschlandfahnen und blickten wie Bruno Gans mit offenen Augen dem Untergang entgegen. Ich war mittendrin und tat es ihnen gleich. Nun hing schließlich nichts mehr von dem Spiel ab. Deutschland hatte mir schon bewiesen, dass es mich hasst.

Doch das größte Problem an diesem Land ist – und das weiß ein jeder – es ist nie zufrieden. Nebenbei: Alleine deswegen sollte man nicht von Vater- sondern von Mutterland sprechen. Und der deutsche Hass ereilte mich schnell wieder in Form der Bierpreise. Nicht nur, dass ein horrender Pfand auf die Plastikbecher erhoben wird, auch das Getränk selbst ist beim Public Viewing maßlos überteuert. So langsam wird mir klar, warum sich das kulturelle Leben eines Hartz-IV-Empfängers meist doch auf der Bank im Stadtpark mit einem Sixpack Discounterbier abspielt, und nicht hier am Bierstand neben dem gutgelaunten, pöbelhaften Stadtadel.

Weil die professionellen Pfandflaschensammler die Hochkonjunktur ausnutzten und Teile der Innenstadt bandenmäßig in Reviere aufgeteilt hatten, entschied ich mich, mein nichtvorhandenes Geld lieber auszugeben, als mir welches dazuzuverdienen. Angesichts des Volkes hätte ich mir an den Flaschen ohnehin Hepatitis A bis C und jegliche Herpesviren eingefangen.

Immerhin beschleunigte die Nachmittagshitze den Gärungsprozess in meinem Kopf, so dass ich von dem Spiel zwar weniger mitbekam, aber trotzdem mehr Spaß hatte. Ungezwungen flirtete ich mit ein paar grenzdebilen Mädchen und brachte sie so dazu, mich immer wieder auf ein neues Bier einzuladen.

Bis es dann schließlich passierte und die ganze Suppe neben dem Bierstand und einer kleinen Patchworkfamilie aus mir heraussprudelte. Das Spiel war gerade in der 80. oder 8080. Minute, ich konnte es nicht richtig erkennen. Kaum hatte sich mein Kreislauf wieder beruhigt, ergriff mich auch schon die Hand eines Ordnungshüters. Er wollte einfach kein Verständnis für meinen defekten Fernseher zeigen und so musste ich mich dem Platzverweis beugen und nach Hause gehen. Immerhin, eins der Patchworkkinder hat beim Anblick meiner Kotze fürchterlich geweint, das war es mir wert.

Ich hoffe nur, dass Deutschland verloren hat, denn verdient hat es dieses Land auf jeden Fall.

Samstag, 26. Juni 2010

Tag 351

Ich hatte keine Lust ranzugehen. Selbst an meinem eigenen Geburtstag gehe ich nicht gerne ans Telefon, wenn meine Mutter anruft, und wie es sich mit Anschuldigungen und Forderungen an einem gewöhnlichen Tage verhält, sollte allgemein bekannt sein. Nach dem fünften Versuch erkannte ich eine gewisse Dringlichkeit an und nahm ab.

Ich: Ja, Mutti, ich weiß, dass Onkel Helmut tot ist.
Sie: Ja, ja, genau. Endlich, ich meine, schrecklich.
Ich: Sag jetzt nicht, ich soll zur Beerdigung kommen.
Sie: Ach Gott, nein, auf solche Sozialbegräbnisse gehe ich doch auch nicht. Da schmecken die Häppchen immer so nach Aldi.
Ich: Gut, es reicht nämlich wenn ich auf meiner eigenen Beerdigung mit dem Pfaffen alleine am Grab stehe.
Sie: Die vom Altersheim haben angerufen. Helmuts Zimmer muss noch heute geräumt werden, sonst müssen wir ab kommender Woche dafür zahlen.
Ich: Oh, nein.
Sie: Und deshalb musst du jetzt zum Altersheim fahren und die Bude ausmisten.
Ich: Warum ich? Ich habe nicht mal ein Auto.
Sie: Papperlapapp. Es reicht, wenn du die Sachen in der grauen Tonne vor dem Heim entsorgst. Hauptsache das Zimmer ist leer. Weißt du eigentlich wie viel so ein Altersheimplatz pro Woche kostet? Wir sind leider verhindert. Heute ist das große Golfturnier.

Die Kripo hatte den Tatort wieder zur Entrümpelung freigegeben. In Helmuts Zimmer roch es neben Verwesung immer noch genauso penetrant nach Alkohol. Um stilecht arbeiten zu können, fragte ich das Altersheimpersonal nach weißen Ganzkörperanzügen, wurde aber mit billigen Plastikhandschuhen und Einmalmundschützen abgespeist. Seine Kleidung packte ich fleißig in schwarze Säcke, zwackte mir eine Jeansjacke ab, die nach Knast aussah und mir deshalb vielleicht auf der Straße Respekt oder zumindest eine kleine Spende einbringt und versuchte dann den kleinen Röhrenfernseher von der Wandhalterung zu montieren. Nach ein paar Handgriffen wollte ich ihn gerade verstauen, weil ich mir zwanzig Euro vom Pfandleiher versprach, wurde aber vom Personal mit dem Hinweis zurückgehalten, dass es sich bei dem Gerät um Eigentum des Altersheimes handeln würde. Man kann es ja mal versuchen. Außer leeren Flaschen fand sich noch eine Menge weiterer Müll: Zwei Rechtsrock-CDs aus den frühen 90ern, ein Playboy von 74 und eine Originalausgabe des Stürmers von 44. Die könnte ich Kanalreiniger Mike verkaufen, dachte ich kurz, bis ich über eine Keksdose stolperte. Ich fand ein kleines, gebundenes Buch und einen Stapel mit alten Briefen. Ich nahm einen heraus und stellte fest, dass es um Nutten und Haftbedingungen ging. Interessante Literatur also.

Die Keksdose behielt ich, den Rest warf ich wie verordnet in die graue Tonne. Bei meinem Glück hätte mich noch der Verfassungsschutz geschnappt, bevor ich die Zeitung gewinnbringend an einen sammelnden Naziopa verkaufen könnte. Mein kurzweiliges Interesse am Playboy war auch verflogen, als ich ausrechnete, dass die ehemaligen Schönheiten heute alle über 50 sein mussten. Die Briefe von Zellengenosse Jürgen hingegen haben unglaublichen Unterhaltungswert und das liegt nicht nur an den Rechtschreibfehlern. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag einen zu lesen, wie bei einem Kalender mit Bibelsprüchen. Und nicht zu vergessen: Natürlich ging auch Helmuts Krückstock in meinen Besitz über, man weiß ja nie, wann man den brauchen kann. Auf der Busfahrt nach Hause gab es zumindest keine Probleme.

Freitag, 25. Juni 2010

Tag 350

Er: Guten Morgen, Herr Pfitzer, entschuldigen Sie die frühe Störung.
Ich: Wenn es um die Kündigung geht. Die ist noch nicht rechtskräftig und wir haben auch noch nicht den 01. Juli.
Er: Es geht nicht um die Kündigung.
Ich: Oh, gut. Ich meine, gibt es was Neues in der Maibaum-Geschichte?
Er: Ja und nein. Darf ich reinkommen?
Ich: Das ist eher schlecht, wir können gerne im Flur reden.
Er: Dann sollten Sie sich etwas anziehen.
Ich: Meinen Sie wirklich?
Er: Ja.
Ich: Einen Moment… so, das ist doch gleich viel besser.
Er: Wie Sie meinen. Wir haben „Olga“ gefunden, Herr Pfitzer.
Ich: Wirklich? Das ist ja toll. Und wurde sie schon festgenommen?
Er: Ja. Gleich heute morgen.
Ich: Endlich geht es diesen Umweltsündern an den Kragen. Wenn man BP schon nicht packen kann oder will, sollte man wenigstens die Baumwilderer schnappen.
Er: Wir haben sie nicht wegen des Baumes festgenommen.
Ich: Nicht?
Er: Nein. Ich bedauere, Ihnen das mitteilen zu müssen. Ihr Großonkel ist vorletzte Nacht verstorben.
Ich: Oh, mein Gott.
Er: Wir haben Grund zur Annahme, dass seine Lebensgefährtin ihm eine Alkoholvergiftung zugefügt hat. Bei der Blutalkoholkonzentration gehen wir von Fremdeinwirkung aus.
Ich: Das ist ja schrecklich. Wenn auch gut möglich.
Er: Es handelt sich bei Domenica Preschinski alias Olga Brekovic also tatsächlich um die gleiche Frau, zu der Sie eine Affäre unterhalten haben?
Ich: Also Unterhalt gab`s nicht. Das wäre ja noch schöner.
Er: Wie Sie schon im Maibaum-Fall zu Protokoll gaben, hatten Sie also Kenntnis darüber, dass Sie sich illegal und mit gefälschten Papieren in Deutschland aufhält?
Ich: Nein, Herr Kommissar. Das war nur eine vage Vermutung.
Er: Wie kamen Sie zu der Annahme?
Ich: Nun, es gibt diverse Sexualpraktiken, da merkt man, ob jemand diese sozusagen von der Pieke auf gelernt hat. Und bei Olga war es der Fall. Da war mir klar: Sowas lernt man nur im zarten Alter von elf Jahren nachts auf deutschen Schulhöfen oder aber ein paar Kilometer hinter der tschechischen Grenze von deutschen Gymnasiallehrern.
Er: Gut kombiniert.
Ich: Nennen Sie mich Sherlock.
Er: Ihre Eltern sind bereits informiert. Über die Obduktion und alles weitere informiert Sie dann die Kriminalpolizei. Ich denke, die Ermittlungen im Fall Maibaum können damit auch abgeschlossen werden.
Ich: Schade nur, dass erst Onkel Helmut sterben musste. Mein Ermittlerinstinkt täuscht mich nie, wissen Sie? Sagen Sie, ist bei der Polizei vielleicht noch ein Plätzchen frei?
Er: Gute Leute brauchen wir immer.
Ich: Das glaube ich.
Er: Was riecht denn hier so komisch?
Ich: Ach, nichts. Ich muss dann auch mal wieder. Danke, dass Sie Deutschland vor dieser Olga beschützt haben. Auch wenn es für Onkel Helmut schon zu spät war.
Er: Sind das Drogen?
Ich: Drogen? Wo? Nein, nein, ich habe nur gerade indisch gekocht, das riecht dann immer so merkwürdig.
Er: Ich könnte schwören, dass das Marihuanageruch ist.
Ich: Da sehen Sie mal, wie leicht einem die Sinne einen Streich spielen können, wenn man nur von Mord und Totschlag umgeben ist.
Er: Sie lügen mich nicht an, oder?
Ich: Niemals, Herr Kommissar.

Er musterte mich kurz und verschwand dann endlich. Auf den Schock musste ich mir gleich noch einen rauchen. Vielleicht hätte ich dem Beamten mitteilen sollen, dass Onkel Helmut vermutlich nur während und nach dem Deutschlandspiel Wasser- und Kornflasche verwechselt hatte. Aber was soll`s. So bleibt mir Olga wenigstens vom Leib und nach der Aktion mit ihren Brüdern hat sie auch nichts Besseres verdient.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Tag 349

Das Essen schmeckte, denn es kam mal wieder vom Caterer. Nur die Feinkost-Antipasti in den Deutschlandfarben sah ein bisschen ekelig aus. Die Seifferts waren Freunde meiner Mutter, was sie beruflich machten, wusste niemand. Zumindest ich nicht. Jochen Berghoff war ein Arbeits- und Golfkollege meines Vaters, seine Frau hieß unglücklicherweise Dagmar und war sichtlich verärgert, als ich mir das Lachen darüber nicht verkneifen konnte. Die Berghoffs hatten Daniel mitgebracht, ihren 13jährigen Sohn, der genauso viel Akne im Gesicht hatte, wie er mich mit seinem pubertierenden Rumgejanke nervte. Schlimmer waren nur die zwei Mädchen der Seifferts, beide um die fünf Jahre alt und derber auf dem Prinzessinnentrip hängengeblieben, als Paris Hilton und Victoria von Schweden zusammen. Alles war wie in einem Märchenbuch, nur dass mir das sprechende Tier fehlte, um mich aus dieser Situation zu befreien. Stattdessen liebäugelte ich mit dem Bier auf dem Tisch. Allerdings hatte ich mir selbst ein strenges Verbot auferlegt, denn wenn ich es mir in meiner Lage weiter mit meinen Eltern verscherze, habe ich nur noch die Wahl unter der Brücke zu schlafen oder von ihr zu springen.

„Mama, warum sind die da alle so dunkel“, fragte ein Kind. „Weil in Afrika die Sonne soviel scheint“, antwortete Frau Berghoff. „Der liebe Gott lässt in Afrika zwar die Sonne scheinen, aber dafür gibt es da so wenig zu essen“, fügte sie hinzu. „Und weil Dirk Niebel Entwicklungsminister ist“, ergänzte ich und erhielt dafür einen Fußtritt unter dem Tisch. Ich konnte nicht identifizieren, ob mein Vater oder meine Mutter nach mir getreten hatten, also verteidigte ich mich pauschal: „Irgendwann müssen Kinder doch lernen, dass die Welt nicht nur aus Kitty, Lillifee und dem lieben Gott besteht“. Noch ein Tritt, dieses Mal war es mit Sicherheit Frau Berghoff. Bevor das Spiel begann, ertönte die Nationalhymne und jeder in der Runde war sichtlich damit beschäftigt, herauszufinden, ob Mitsingen angebracht war oder nicht. Bis meine Mutter schließlich mit schiefer Stimmlage und falschem Text das Schweigen brach und zumindest die ältere Generation mitriss. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Und ich soll peinlich sein?

Die Männer rückten etwas näher zum TV-Gerät und gaben sich ihren Getränken hin. Der kleine Seiffert war über sein Trinkverbot genauso angepisst, wie ich über das meinige. Die Frauen tuschelten im Hintergrund währenddessen sie versuchten, sich mit Spirituosen und Mixgetränken zu berauschen. „Da sind aber wirklich viele Schwarze dabei“, stellte meine Mutter leise fest. „Die WM ist ja auch in Afrika“, meinte Frau Seiffert. „Es waren auch schon mal mehr Neger in der deutschen Nationalmannschaft“, mischte sich Frau Berghoff ein und zeigte Sachverstand: „Dieser Asamoah da hat auch mal für Deutschland gespielt. Vielleicht wurde er abgeschoben.“ Das pubertierende Clerasilgesicht musste natürlich den Aufklärer spielen und Dagmar belehren.

Als ich auf dem Weg zur Toilette am Kühlschrank vorbei kam, brach ich für zwei Minuten mein Trinkverbot und leerte zwei halbe Liter. Dann ging ich Kacken. Es war herrlich. Geraume Zeit später wurde ich durch einen Torschrei zurückgeholt. Auf diesen folgten ein „Ohhh“, weil der Torschütze ein schwarzes Trikot und schwarze Haare trug, ein „Ahhhh“, nachdem wiederrum klar war, dass es sich um einen Spieler für Deutschland handelte.

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In gewohnter Art ließ ich heimlich ein paar Flaschen mitgehen und verabschiedete mich dann von der Gesellschaft. Meine Mutter war offenbar sehr erleichtert, dass ihr Sohn dieses Mal keine Schande über die Familie gebracht hatte und honorierte dies durch ein bisschen Bares.
Um das wertvolle Geld für den Bus zu sparen, ließ ich mich von einem Autokorso mitnehmen, tanzte zeitweise noch auf der Ladefläche eines Pick-Up-Trucks neben zwei freizügigen 17jährigen und kotze am Ende der Fahrt großflächig auf die Motorhaube des hinterherfahrenden Fahrzeugs. Die überdimensionale Deutschlandfahne, die darauf gespannt war, wird das meiste schon abgefangen haben.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Tag 348

Sie: Bitte benimm dich, Christian, hast du verstanden?
Ich: Ja, Mutti. Aber muss ich wirklich kommen? Ich habe gar keine Lust auf Fußball.
Sie: Papperlapapp. Denkst du ich habe da Lust drauf? Aber die Seifferts und die Berghoffs bringen auch ihre Kinder mit.
Ich: Auf die habe ich auch keine Lust.
Sie: Und zieh dir was Ordentliches an! Wenn wir dich schon einladen, wollen wir uns nicht wieder mit dir blamieren.
Ich: Dann macht es doch so wie sonst: Ladet mich nicht ein. Oder erzählt euren Bekannten, ich sei tot.
Sie: Warum können wir nicht einmal wie eine normale Familie zu Hause Fußball gucken?
Ich: Weil wir keine normale Familie sind.
Sie: Dann schau mal in den Spiegel und stelle fest wer daran die Schuld trägt!
Ich: Moment. Ach, das bin ja ich. Also ich bin gänzlich unschuldig.
Sie: Papperlapapp, Christian. Du kommst heute Abend zum Spiel.

Dienstag, 22. Juni 2010

Tag 347

Ich: Hallo, ich bin`s, Christian.
Er: Wer?
Ich: Christian Pfitzer.
Er: Ach, der Fußballidiot.
Ich: Ich bin kein Fußballidiot, das habe ich Ihnen doch erklärt.
Er: Sie stören gerade.
Ich: Ich wollte nur sagen, dass ich jetzt doch arbeite.
Er: Schön für Sie, dann viel Erfolg.
Ich: Danke, wann soll ich denn kommen?
Er: Wohin?
Ich: Na, zum Arbeiten.
Er: Da müssen Sie schon Ihren Chef fragen.
Ich: Aber Sie sind doch mein Chef!?
Er: Sicher nicht. Solche unzuverlässigen Mitarbeiter kann ich nicht gebrauchen.
Ich: Ich bitte Sie. Ich bin bald auf Hartz IV, wissen Sie, was das heißt?
Er: Nein.
Ich: Das ist eine Katastrophe. Und wenn die Mehrwertsteuer auf Tiernahrung angehoben wird, kann ich mir bald gar nichts mehr zu essen leisten.
Er: Pfff. Da könnte ich allerhöchstens eine Doku-Soap drüber drehen.
Ich: Dann machen Sie das. Wenigstens ein bisschen Geld.
Er: Das müssen Sie doch eh wieder an die ARGE abdrücken.
Ich: Ja?
Er: Ja. Normalerweise erzählen wir das unseren Darstellern gar nicht, sonst würden Sie sich ja nicht in aller Öffentlichkeit so zur Schau stellen. Aber Ihnen sage ich`s direkt, Sie gehen mir nämlich auf die Nerven.
Ich: Und wenn ich Ihnen einen Nachbarschaftsstreit mit einer waschechten Mietnomade dazu liefere?
Er: Dann könnten wir es zusätzlich noch im Mittagsmagazin platzieren, was aber nichts daran ändert, dass Sie kein Geld sehen werden.
Ich: Herr Liensen, dann stellen Sie mich doch bitte ein. Ich halte auch nur die Kamera, wenn es sein muss.
Er: Hm. Wissen Sie was, ich überlege es mir. Ich habe ja noch Ihre Daten. Ich melde mich. Auf Wiederhören.

Montag, 21. Juni 2010

Tag 346

Meine Bewerbung als der Mann, der die Günter Netzer-Puppe fernsteuert

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe ARD,

entschuldigen Sie bitte meine Verzweiflung. Früher habe ich mich ans Fernsehen gewandt, weil ich einen guten Job haben wollte. Heute nicht mehr. Ich bin fast bereit, fast jede Arbeit anzunehmen.
Neulich habe ich erfahren, dass der bekannte und beliebte Günter Netzer nach der Fußball-Weltmeisterschaft nicht mehr für Sie arbeiten möchte. Ich kenne den Grund. Der Mann, der die Günter Netzer-Puppe fernsteuert, geht in Rente. Doch ich bin bereit, seinen Posten zu übernehmen.

Wie wir alle wissen, ist Günter Netzer nicht echt. Bis heute bin ich aber nicht sicher, wie genau Sie das machen. Ob es sich wirklich um eine ferngesteuerte Puppe, einen Roboter, einen Cyborg oder ein Hologramm handelt, weiß ich nicht.

Ich kann Günter noch 10 weitere Weltmeisterschaften, in denen Deutschland natürlich auch versagen wird, steuern und sogar seine Sprüche in Hinblick auf die moderne Jugendkultur etwas aufwerten. Das würde die Quote ungemein steigern.

Gleichzeitig bin ich auch bereit, die Mausklicks auszuführen, die im Moment ein Praktikant zu machen scheint, immer dann, wenn Gerhard Delling auf seinem angeblichen Touchscreen-Monitor hantiert. Auch hier ist ganz klar, dass es sich um einen herkömmlichen HDTV handelt, aber es ist fantastisch, mit welchen Tricks Sie die ältere Generation täuschen.

Ich stehe Ihnen dabei jederzeit zur Seite.

Ihr,
Christian Pfitzer

P.S.: Diese Bewerbung ist nicht humorvoll gemeint!
Ich muss bald meinen eigenen HDTV für Tiefkühlbaguettes verkaufen, wenn Sie mich nicht einstellen.

Sonntag, 20. Juni 2010

Tag 345

Verdammt. Mittlerweile glaube sogar ich nicht mehr daran, einen gut dotierten Job in einem Ministerium, bei BP oder der Arbeitsagentur zu finden. Morgen werde ich den Fernsehfritzen noch einmal anrufen und um Gnade flehen. Es gibt nämlich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder ich nehme den Job an und ende freilich wie David Hasselhoff oder aber, ich nehme den Job nicht an, ende auch wie David Hasselhoff, kann mir dann aber nicht leisten, mir meine Restexistenz schönzutrinken. Das wäre hart.

Zu allem Überfluss habe ich heute noch die Post geholt und geöffnet. Strom- und Telefonanbieter, Herr Wilhelm junior und senior, die Sparkasse, die GEZ, alle sind sich einig: Sie wollen Geld von mir und zwar unverzüglich, ansonsten kündigen sie drastische Mittel an. Familie Wilhelm ist schon soweit, dass sie nicht einmal mehr Geld will, sondern nur, dass ich schnell aus ihrem Leben verschwinde. So ging es mir schon mit Familie Schellack und sogar mit meiner eigenen. Jegliche Beschwichtigungsversuche und auch der Widerspruch gegen die Kündigung blieben unerhört. Stattdessen flüchtet Herr Wilhelm senior nun schon, wenn er mich von Weitem sieht, um ja nicht in Gespräch verwickelt zu werden. Und das nach all dem, was ich für ihn und dieses Haus getan habe. Heute wollte ich ihn auf das Baugerüst am Haus ansprechen, das seit Freitag das Wohnbild noch mehr verschandelt, als meine Deutschlandfahnen es je gekonnt hätten. Ehe ich mich versah, war er jedoch wieder hinter seiner Wohnungstüre verschwunden.

Meine Situation ist enger als alles, was Josef Fritzl und Anhang in ihrem Leben je gespürt haben. Und wenn kein Wunder geschieht, kann ich bald auch irgendwo in einem Kellerloch hausen.

Samstag, 19. Juni 2010

Tag 344

Fast nichts ist mir geblieben. Heute Morgen lag noch die Vuvuzela auf dem Tisch, neben den leeren und einigen wenigen vollen Bierflaschen. Maximaler Pfandwert: 15 Euro. Das ist alles, was mir noch bleibt, neben einem Berg voll Schulden.

Ganz Deutschland schimpft auf den Schiedsrichter, außer mir. Ich schimpfe auf ganz Deutschland, auf zwei Polen, die für Deutschland spielen und natürlich auf mich selbst. Ich hätte auch beim Pferderennen auf Fury oder Black Beauty wetten können, meine Gewinnchancen wären sicher nicht so schlecht gewesen. Das nächste Mal spende ich mein Geld gleich an die Tafel, bevor ich es in deutschen Fußball investiere. Aber es wird ja gar kein nächstes Mal geben, denn wenn ich bald selbst mit einem ordentlichen Hartz-IV-Bescheid bei den Tafeln shoppen gehe, habe ich bestimmt kein Investitionskapital mehr zur Verfügung.
In meiner finanziellen Notlage ist mir jedes Mittel Recht:

Sehr geehrte Frau Kraft,

herzlichen Glückwunsch zur Landtagswahl, wenn auch etwas verspätet. Aus den Medien habe ich erfahren, dass Sie nun unser schönes Bundesland mit einer Minderheitsregierung beglücken wollen. Das finde ich super, immerhin gehöre ich auch einer Minderheit an. Eigentlich vertrete ich alle erdenklichen Minderheiten, ich bin sozusagen die Minderheit in Person. Gerne würde ich mich daher Ihrem Kabinett anschließen.

Besonderes Interesse besteht am Posten des Arbeitsministers. Ich bin nun bereits seit einem Jahr arbeitslos und damit bestens für das Amt qualifiziert. Bei mir muss auch niemand Angst haben, dass ich wegen mangelndem Respekt an meiner Person zurücktrete. Zumindest nicht vom Amt, höchstens ins Gesicht.

In weniger als zwei Wochen droht mir der Abstieg ins ALG2. Sie sind ernsthaft meine letzte Chance auf Resozialisierung. Ich werde Sie nicht enttäuschen. Falls es nicht für einen Ministerposten reicht, mache ich auch alle anderen Aufgaben, bei denen ich fürs wenig tun viel Geld bekomme. Ich hoffe, Sie finden ein Plätzchen für mich.

Tun Sie es nicht für mich, sondern für alle Minderheiten in Deutschland.
Und bedenken Sie: Sozial ist, wer mir Arbeit verschafft.

Ihr,
Christian Pfitzer

Freitag, 18. Juni 2010

Tag 343

Es ist bezeichnend: Als ich heute Morgen den verbliebenen Teil der GEZ-Provision in Biervorräte investierte schien die Sonne. Als ich mit dem Bier und der deutschen Nationalmannschaft endgültig fertig war, zeigte sich der Himmel unter einer Wolkendecke. Es war, als würde Gott persönlich auf mich herab pissen wollen. Ich habe alles verloren, wirklich alles. Mein letztes Geld. Und das alles sind die Polen Schuld. Hätte sich Klose nicht vom Feld verweisen lassen und Poldi nicht den Elfmeter verschossen, wer weiß, vielleicht wäre ich bald finanziell rehabilitiert. Doch so bin ich stehend k.o. oder besser liegend, denn ich habe soviel während des Spiels getrunken, dass ich kaum noch stehen konnte.

Jetzt bin ich bereits persönlich nach Polen einzumarschieren, um Poldi und Klose auszuliefern. Wenn diese Millionäre doch wüssten, was sie mir angetan haben. Ich bin immer noch außer mir, fassungslos, nicht aufnahmefähig. Ich hätte es wissen müssen, beim Anblick der Sammelkarten. Diese Milchgesichter. Es ist unfassbar. Ich habe noch nie für Deutschland gehalten, aus gutem Grund. Doch ausgerechnet dann wird man enttäuscht. Jetzt ist mir Hartz-IV gewiss. Am besten suche ich noch heute Abend eine Brücke.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Tag 342

Ich packte gerade meine Wäschetasche für den Waschsalon, als ich ein altes Memo mit den Worten „Memos schreiben“ wiederfand. Beachtlich: Ich habe schon längere Zeit mein Leben ganz ohne diese kleinen Gedankenstützen organisiert. Ja, ich brauche nicht mal mein Haushaltsbuch von der Sparkasse, um festzustellen, dass ich kein Geld habe. All die kleinen Helfer sind für Arbeitslose einfach nur überflüssig.

Auf dem Weg nach unten rannte ich fast Herrn Wilhelm über den Haufen, sagte ihm hastig, dass er nach dem dritten Vorrundenspiel bestimmt sein Geld bekommen würde und machte mich auf in Richtung Bushaltestelle. Es ist nicht nur eine Schmach seine Schmutzwäsche in einem öffentlichen Sammelzentrum des Schmutzes zu waschen, wenn man sie darüberhinaus vorher in öffentlichen Verkehrsmitteln, also ebenfalls Sammelzentren des Schmutzes, transportieren muss. Mit meinen dreckigen Boxershorts auf dem Schoss und der Oma neben mir, kam ich mir im Bus vor wie ein Penner, der sein Hab und Gut in einem Betttuch auf dem Rücken trägt. Mit dem einzigen Unterschied, dass mein Betttuch im Wäschekorb lag und immer noch nach Sabrina duftete. Ich brauchte den Geruchsneutralisierer ja schon für meine Kleidung.
Im Waschsalon war ein Radio aufgestellt und ein unterbezahlter Mensch in blauer Kleidung bewachte es. Ein toller WM-Service. Aus lauter Langeweile flirtete ich eine 40-Jährige an, entschied mich aber dann doch später nicht auf einen Absacker mit zur ihr zu kommen. Es mag an ihrer verwaschenen Aussprache gelegen haben. Oder aber auch an ihrer verwaschenen Leggins. Keine Ahnung.

Wahrscheinlich werde ich wegen der Zeitverschiebung irgendwann mitten in der Nacht aufstehen, um mich auf das Spiel vorzubereiten. Zwar liegen Südafrika und Deutschland in der gleichen Zeitzone, aber der Anstoß findet bereits zur Mittagszeit statt. Es liegen also acht Stunden zwischen dem Spielbeginn und meinem üblichen Pegel, den ich brauche, um ein Deutschlandspiel zu ertragen.